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Kiental: auf der steilsten Postautostrecke Europas ins Wanderparadies

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Dü-Da-Do. Immer wieder erklingt der unverwechselbare Dreiklang des Posthorns, während sich der Kleinbus die schmale kurvenreiche Straße durch das Kiental hochwindet. Im letzten Abschnitt durch die Griesschlucht müssen einer Länge von 1.7 Kilometern gut 250 Höhenmeter überwunden werden. An den steilsten Stellen beträgt die Steigung beachtliche 28 Prozent. Das Manövrieren in den Haarnadelkurven ist Millimeterarbeit. Teilweise hat der Bus keine zehn Zentimeter Spielraum. Nicht umsonst prangt unten am Parkplatz Tschingel ein großes Hinweisschild, zu welchen Zeit das Kreuzen mit dem Postauto für Autos verboten ist.

Welche tollen Momente während der Fahrt auf der steilsten Postautostrecke Europas durch das Kiental auf dich warten und welche Wanderungen du von der Griesalp aus unternehmen kannst, verrate ich dir in diesem Artikel.

Mit dem Postauto von Reichenbach durch das Kiental zur Griesalp

Während sich in den bekannten Destinationen die Touristen tummeln, Orte wie Interlaken, Laubunterbrunnen oder Grindelwald im Sommer heillos überlaufen sind, setzt das Kiental auf sanften Tourismus und hat doch alles, was man vom Berner Oberland erwartet. Das Seitental des Kandertals ist bekannt für seine unberührte Natur. Tosende Wasserfälle, Wildbäche, Blumenwiesen, Almen und Wälder bilden die Kulisse für rund 250 Kilometer Wanderwege in überwiegend unberührter Natur. Das liegt unter anderem daran, dass es kaum Bergbahnen gibt, die die Gipfel erschließen.

Ausgangspunkt für viele Bergwanderungen im Kiental ist die Griesalp. Am bequemsten ist die Anreise mit dem Postauto vom Bahnhof Reichenbach im Kandertal aus. Hier liegt der Start der Kiental-Griesalp-Linie. Siebenmal pro Tag fahren die eigens für diese Strecke umgebauten Kleinbusse hoch zur Griesalp. Ich staune nicht schlecht, dass bereits der erste Kurs um 07:27 bis auf den letzten Platz und darüber hinaus besetzt ist. Eine Reservierung für Einzelpersonen ist nicht möglich, deshalb solltest du rechtzeitig anreisen. Bis zur Ortschaft Kiental unterscheidet sich die Strecke dann wenig von anderen Bergstrecken.

Der erste Höhepunkt erwartet die Reisenden gut vier Kilometer nach der Ortschaft Kiental beim Passieren des Tschingelsees. Dieser See entstand in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1972 durch einen riesigen Murgang von den Hängen des Ärmighorns während eines Gewitters. Um einen See im eigentlichen Sinne handelt es sich nicht mehr. Aus dem seichten See wurde ein Auengebiet mit unzähligen Bächen, Rinnsalen und kleinen Wasserbecken. Die Unmengen von Sedimenten und Gestein, die der Gwindli-, der Gorner- und der Sagibach mit sich führen prägen die Landschaft. Möglicherweise trocknet der See in den nächsten Jahren wieder ganz aus. Der Tschingelsee steht unter Naturschutz und an dem Samstagmorgen meines Besuchs wabern mystische Nebel über der Ebene.

Richtig spektakulär wird es nach dem Parkplatz Tschingel. Hier beginnt der steilste Teil der Strecke (28 % Steigung). Angst musst du dabei keine haben. Die Fahrer sind speziell dafür ausgebildet und meistern die vielen engen Kurven problemlos. Im schlimmsten Fall kann es bei Regenwetter etwas rutschig werden.

Die lustigen Kommentare unseres Chauffeurs tragen zur guten Stimmung im vollbesetzten Bus bei. Somit sind es vor allem die persönliche Note der Chauffeure und die unglaubliche Landschaft in der Griesschlucht, die die Fahrt zu etwas ganz Besonderem machen. Zu sehen sind unter anderem die Kaskaden der Dündebachfälle und der Pochtenfall. Bedingt durch Klimawandel und Trockenheit führen sie allerdings nur noch sehr wenig Wasser.

Beim Hotel Griesalp auf 1’400 m.ü.M. endet die steilste Postautostrecke Europas. Kaum zu glauben, dass hier oben fünf beieinander liegende Hotels mit insgesamt 40 Zimmern – von einfach bis luxuriös – auf die Gäste warten. Gehobene Gastronomie und ein origineller Wellnessbereich runden das Angebot ab. Gerne wäre ich schon am Vortag angereist und hätte eine Nacht hier verbracht. So kurzentschlossen wie ich bin, gibt es leider keine freien Zimmer.

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Anreise mit dem Auto

Mutige können die Anfahrt auch selber unter die Räder nehmen. Dazu musst du wissen, dass das Parken nur auf den offiziellen Parkflächen und gegen Gebühr möglich ist. Entlang der Griestalstraße herrscht allgemeines Parkverbot. Die Parkplätze beim Hotel sind den Gästen vorbehalten und im Winter ist die Straße gesperrt. Hotelgäste werden dann abgeholt.

Alpabzug

Jedes Jahr im Herbst gibt es auf der Griesalpstraße ein besonderes Ereignis zu bestaunen. Dann machen sich die Lamas und Alpakas von Arnold Luginbühl auf den Weg ins Tal. Spätestens wenn der erste Schnee fällt, ist es für sie Zeit, das Sommerquartier auf der Griesalp zu verlassen. Für die Tiere ist der Abstieg über die steile Straße keine besondere Herausforderung. Lamas und Alpakas sind ruhig, gelassen und geländegängig. Selbst tiefe Temperaturen und Schneegestöber können ihnen nichts anhaben.

Seit vor einigen Jahren in den Medien erstmals vom «wohl flauschigsten Alpabzug der Schweiz» zu lesen war, lockt das außergewöhnliche Treiben jedes Jahr mehr und mehr Schaulustige an – ein Ereignis, dem auch gerne einmal beiwohnen möchte.

Kientaler Themenwege

Die Themenwege sind sehr beliebt, sie erzählen von den Besonderheiten der Pflanzen- und Tierwelt, vom steilsten Postautokurs Europas, den Mythen und Sagen der Region oder dem Leben und der Arbeit der Bergbauern.

Postauto-Erlebnisweg

Entlang der steilsten Postautostrecke Europas befindet sich der Postauto-Erlebnisweg Griesalp. Auf dreizehn Stationen oder Haltestellen erfährst du hier interessante Details über die Region und die gelben Kultbusse. So lerne ich unter anderem, dass der Dreiklang des Posthorns aus der Ouvertüre «Willhelm Tell» von Gioachino Rossini stammt und sich aus den Tönen cis, e und a zusammensetzt. Von einer Plattform aus kannst du die steilen Kurven der Postauto-Strecke überblicken oder beim Fotostopp Tschingelseeblick ein besonders gelungenes Bild schießen. Auch den oben genannten Wasserfällen kommst du dabei nochmals besonders nahe.

Sportliche Wanderinnen und Wanderer marschieren auf diesem Weg vom Tal bergwärts. Wesentlich einfacher und gemütlicher ist es über den Postauto-Erlebnisweg hinunter bis Kiental zu wandern. Genaue Informationen findest du auf dem Flyer zum Themenweg. Besonders hervorzuheben ist, dass es bei den Stationen jeweils Informationen gibt, wie lange die Gehzeit bis zur nächsten Bushaltestelle dauert. So kannst du je nach Lust und Laune oder Kondition die Wanderung abkürzen.

Sagenwege

Neben dem Postauto-Erlebnisweg gibt es im Kiental noch mehrere Sagenwege, die sich vor allem für Familien eignen. Sie führen durch den Talboden oder von Alp zu Alp. Die verschiedenen Informationstafeln erzählen von mystischen Begebenheiten im Kiental. Immer wieder triffst du auf lebensgroße Figuren, wie zum Beispiel im Hexenkessel. Der Gamchibach, der auf gerade einmal einem halben Kilometer ein Gefälle von 200 Metern überwindet hat hier mehrere imposante Strudeltöpfe geformt. Kein Wunder, sind diese Naturphänomene Schauplatz und Thema der Sagen aus dem Tal. Dort, wo der Teufel dafür sorgte, dass das Hexenhaus mit einem Knall in tausend Stücke zerbarst, steht heute eine Hexenfigur in der Schlucht.

Die Sagenwege lassen sich zu verschiedenen Halbtages- und Tagestouren kombinieren.

Der Alpwirtschafts- und Naturlehrpfad im Kiental

Dieser Themenweg beginnt auf der Griesalp und kann als kurze Variante (1.5 bis 2 Stunden) oder Halbtageswanderung begangen werden. Die kürzere Variante eignet sich auch bei Schlechtwetter.

Der Alpwirtschafts- und Naturlehrpfad begeistert mit seiner Themenvielfalt und der schönen Streckenführung. Angeblich ist dieser Lehrpfad einmalig im ganzen Alpenraum. Die mehr als Informationstafeln thematisieren Geologie, Flora und Fauna sowie Leben und Arbeit der Bergbauern, wie zum Beispiel die Käseherstellung. Je nach Interesse gibt es viel zu entdecken. Auf alle Fälle lohnt es sich, während der Wanderung immer wieder einmal Halt zu machen und die Texte auf den Tafeln zu lesen.

Wandern und genießen

Ich wandere, nachdem ich mit dem ersten Postauto auf der Griesalp ankomme, über den Alpwirtschafts- und Naturlehrpfad zur Bundalp. Zurück geht es in einem weiten Bogen über die Obere Dündenalp. Über weite Strecken begegnet mir keine Menschenseele, nur beim Start rund um das Hotel ist etwas mehr los. Weil ich am Ende keine Lust habe, auf den Bus zu warten, steige ich über den Postauto-Erlebnisweg noch ab zum Tschingelsee. Mit Einkehr bin ich dafür etwa vier Stunden unterwegs.

Auf der Bundalp werden überwiegend Produkte aus der eigenen Landwirtschaft serviert, Käse, Milch, Butter, Rahm und Yoghurt stammen aus der eigenen Alpkäserei. Der Apfelsaft aus dem Heimbetrieb im Emmental soll legendär sein. Die Dündenalp ist ebenfalls für ihren Käse bekannt. Neben den erwähnten Alphütten kannst du auch auf der Griesalp oder im Nostalgiehotel Waldrand-Pochtenalp einkehren.

Wenn du mehr Zeit zur Verfügung hast als ich und du ausreichend Kondition mitbringst, gibt es im Kiental noch weitere Wanderklassiker. Einer davon ist die Überschreitung des Hohtürlis, einem Passübergang zwischen dem Kiental und dem Kandertal. Ziel der Wanderung ist der tiefblaue, spektakuläre Öschinensee, einer der schönsten Bergseen der Alpen, umgeben von steilen Felswänden. Unter anderem geht es entlang einer mit Eisenketten gesicherten Felswand und über steile Holztreppen hinauf zum Hohtürli. Die Blümlisalphütte bildet einen lohnenden Abstecher. Die Aussicht auf Eiger, Mönch, Jungfrau, Schilthorn, Thunersee, Niesen, das Blüemlisalphorn und den Blüemlisalpgletscher von hier oben ist prächtig. Bei dieser Wanderung handelt es sich um die Etappe 13, die Königsetappe der Via Alpina.

Mit fast 15 Kilometern, sieben Stunden, 1’500 Metern im Auf- und fast 1’300 Metern im Abstieg ist dies eine anstrengende Passwanderung, die aber mit wunderbaren Ausblicken belohnt wird. Ungeübte Wanderinnen und Wanderer entscheiden sich allerdings besser für einen der Themenwege im Tal.

Nicht minder anstrengend ist die Wanderung über die Sefinenfurgge (Etappe 12 der Via Alpina), die direkt nach Mürren in die Jungfrauregion führt und bis Lauterbrunnen ausgedeht werden kann. Für beide Wanderungen empfiehlt sich eine Übernachtung auf der Griesalp. Ist das nicht möglich, solltest du zumindest mit dem ersten Postauto anreisen.

Im Grunde genommen ist es egal, für welche Route du dich entscheidest. Die Natur im Kiental ist spektakulär und die wirst auf allen Wanderung tolle Erlebnisse haben.

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