Guarda und Arosa – Schellenursli, Schnee und schnelle Boliden

Kurzreisen

Graubünden, der flächenmäßig größte Kanton der Schweiz, zählt nicht weniger als 937 Berggipfel und 150 Täler. Und so ist in Graubünden vieles nur auf Umwegen zu erreichen. Während die Luftlinie von Guarda nach Arosa nicht einmal 57 km beträgt, ist man mit dem Auto mindestens 110 km oder 2 Stunden und 20 Minuten unterwegs. Zwei Stunden meist enge und kurvenreiche Bergstraßen. Der Chantun Grischun ist nicht nur weit entfernt von der Zentralschweiz, nein, auch im Bündnerland braucht es viel Geduld, um von A nach B (oder wie in meinem Fall von G nach A) zu kommen.

Guarda, die Heimat des Schellen-Ursli

Die 200-Seelen-Gemeinde auf einer Sonnenterrasse hoch über dem Inn im Unterengadin ist ein wahres Kleinod. Das Dorf ist weitgehend autofrei und bei einem Spaziergang fühlt man sich zurückversetzt in vergangene Jahrhunderte. Man könnte meinen, in Guarda sei die Zeit stehen geblieben. Die eindrücklichen pastellfarbenen Engadiner Häuser mit ihren typischen Wandbemalungen, den Sgraffitti sind vorbildlich erhalten und renoviert. An fast jeder Fassade ist ein «Renovada» plus Jahreszahl zu lesen. Nicht umsonst hat Guarda den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes für beispielhaften Ortsbildschutz erhalten und gilt als eines der schönsten Dörfer der Schweiz.

Die Gegend rund um Guarda ist perfekt zum Wandern. Eine Möglichkeit, insbesondere für Wanderungen mit Kindern, bietet der im Herbst 2016 eröffnete Schellen-Ursli-Weg. Dabei handelt es sich um einen Themenweg, der an verschiedenen Stationen Szenen aus dem Kinderbuch aufgreift. Wer noch mehr erfahren will, besucht am besten auch das Schellen-Ursli-Museum gegenüber dem Hotel Meisser.

Neben der berühmten Heid ist der Schellen-Ursli eines der bekanntesten Kinderbücher der Schweiz. Selina Chönz erzählt eine Geschichte vom Leben in den Schweizer Alpen und vom Brauchtum des «Chalandamarz». Auch heute noch wird im Engadin am 1. März der Winter ausgetrieben und der Frühling eingeläutet. In der Geschichte erhält Uoursin bei der Glockenverteilung die kleinste Glocke von allen und wird von den anderen Kindern ausgelacht. Da erinnert er sich an die riesige «Plumpa» in der Hütte auf dem Maiensäß und zieht trotz des tiefen Schnees los um sie zu holen. Während man sich im Dorf Sorgen macht, erlebt der Schellen-Ursli verschiedene Abenteuer. Selbstverständlich hat die Geschichte ein Happy-End und Ursli nimmt mit seiner riesigen Glocke am Chalandamarz teil.

Das Buch erschien erstmals 1945. Das Haus mit der Nummer 51 war übrigens Vorlage für die Alois Carigiets Illustrationen im Buch. 2015 wurde das Buch auch verfilmt. Meiner Meinung nach ist der Film von Xavier Koller allerdings nicht besonders gelungen, zu pathetisch und klischeehaft ist da alles.

Auf alle Fälle ist Guarda, der Schauplatz des Buches (nicht des Films), einen Besuch wert. Mit der «Guarda App» für iOS und Android kann man virtuell durchs Dorf spazieren und mehr über Geschichte, Landschaft, Natur, Kunsthandwerk und Gastronomie erfahren.

Der erste Schnee

Ich hatte mir viel vorgenommen für dieses Wochenende in Guarda und Arosa. Für Freitagnachmittag war eigentlich eine Wanderung zu Laj Blau geplant. Am Samstagmorgen wollte ich früh aufbrechen Richtung Zuoz und über den Albulapass nach Bergün. Nach einem Besuch im Kurhaus sollte es zur Fotostelle oberhalb des Landwasserviadukts gehen. Schließlich möchte ich am frühen Nachmittag in Arosa sein, wo das ClassicCar, ein internationales Bergrennen stattfindet.

Der Wetterbericht versprach schon nichts Gutes und für einmal stimmte die Prognose leider auch. Kurz nach meiner Ankunft in Guarda beginnt es bereits zu regnen und dichte Wolken hängen über dem Tal. Nur jeweils für ein paar Minuten zeigt sich die Sonne noch. Das Wetter kann man nun mal leider nicht ändern. Aber wie sagt man so schön: «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung». Ich versuche also das Beste aus der Situation zu machen. Anstelle der geplanten Wanderung gehe ich eben den oben beschriebenen Schellen-Ursli-Weg. Traurig bin ich allerdings, dass das Licht zum Fotografieren sehr düster ist und die schönen Farben der Häuser gar nicht richtig zur Geltung kommen.

Den Wetterkapriolen zum Trotz

Über Nacht kommt dann auch noch der angekündigte Schnee. Die umliegenden Berggipfel sind «angezuckert». Ich zögere, ob ich die Route über den Albula wagen soll. Aber mit etwas Fahrerfahrung, Quattro und Alljahresreifen sollte es möglich sein. Das ist es dann auch. Allerdings habe ich über weite Strecken Schneefahrbahn und beim Albula Hopiz ist es bitterkalt. Und so stehe ich kurz nach dem meteorologischen Herbstanfang im dichten Schneegestöber und etwa 5 cm Neuschnee.

Leider regnet es auch in Bergün durchgehend. Wie Guarda ist Bergün ein wunderschönes Bündner Dorf, mit Sgraffito verzierten Häusern und den typischen Brunnen. Im Gegensatz zu Guarda sind die in Bergün aber nicht mit Blumen geschmückt. Im Kurhaus laufen gerade die Vorbereitungen für eine Hochzeit. (Das Brautpaar hat sich seinen schönsten Tag im Leben wohl auch sonniger vorgestellt.) Deshalb ist es leider nicht möglich im Festsaal zu fotografieren. Und auch das Restaurant ist gerade geschlossen.

Nun gut, ich fahre weiter nach Filisur und wandere das kurze Stück bis unter das Viadukt. Der Zug der Rhätischen Bahn hebt sich dann zumindest ein wenig vom Einheitsgrau des Himmels ab. Ich kann also mein geplantes Programm mit kleinen Änderungen fast einhalten. In Arosa erwarteten mich aber nochmals Schneeregen und Temperaturen knapp über dem Nullpunkt.

Arosa ClassicCar

Nein, ich bin ganz und gar kein Autosportfan. Eigentlich finde ich das sogar ziemlich unsinnig. Das «Internationale Begrennnen Arosa ClassicCar» hat sich jedoch in den vergangen Jahren zu einem über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannten Ereignis gemausert und ein Bekannter ist Streckenchef. Normalerweise sind an dem Rennwochenende Ende August/Anfang September zwischen 20.000 und 30.000 Zuschauer in Arosa selbst und entlang der Strecke. Bei dichtem Nebel, Regen und Schnee reduziert sich zum Leidwesen der Veranstalter diesmal das Feld der Fahrer und die Anzahl der Zuschauer wesentlich.

Bei der Anreise darf man selbst zuerst einmal die 7,3 km lange Rennstrecke mit 76 Kurven von Langwies nach Arosa fahren. Davor heißt es in der Regel aber zuerst einmal warten. Die Strecke ist tagsüber während des Rennbetriebs nur dreimal etwa für eine halbe Stunde für den Individualverkehr geöffnet.

Zugelassen zum Rennen sind historische Fahrzeuge: Veteranenfahrzeuge der Baujahre 1905 bis 1918, Touring und GT Fahrzeuge der Baujahre 1919 bis 1990 sowie ein- und zweisitzige Rennwagen der Baujahre 1919 bis 1990. Und dann geht es nicht etwa um die schnellste Zeit. Nein, Sieger ist, wer zwei möglichst gleichmäßige Läufe fährt. Das Fahrerlager ist gratis zugänglich und so kann man die schnellen oder auch langsameren Boliden sowie manche Unikate in aller Ruhe bewundern. Der letzte Teil der Rennstrecke führt auch direkt durch den Ort, allerdings wird auch das gesamte Geschehen auf Großleinwand übertragen. Und ansonsten herrscht einfach Partystimmung in Arosa.

Arosa ist – man verzeihe mir – nicht wirklich ein Schmuckstück. Ähnlich wie die anderen großen Skiresorts in Graubünden (Lenzerheide, Davos, St. Moritz) gibt es viele gesichtslose Betonbunker und Hotels, ein Sammelsurium von Bausünden aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eben. Einzig in Innerarosa findet man noch ein paar alte traditionelle Häuser und kann sich vorstellen, wie schön es hier sein könnte.

Kurz vor der Abreise und auf dem Weg zurück Richtung Chuhr zeigt sich dann sogar wieder die Sonne. Ein bisschen zu spät für mich. Am Vormittag mache ich trotz Schlechtwetter und Schnee eine kleine Wanderung. Via Innerarosa und Bergkirchli geht es Richtung Tschuggenhütte und Mittelstation der Weisshornbahn. Da in der Arosa Card die Benützung der Bergbahnen inklusive ist, wage ich sogar die Fahrt auf den Gipfel. Aber außer Nebel und Wolkenfetzen gibt es da oben leider nicht viel zu sehen. Für mehr bleibt auch keine Zeit, da ich mich am Nachmittag wieder pünktlich für die Rückfahrt einreihen muss.

Praktische Tipps

Anreise: Am schnellsten und bequemsten erreicht man Guarda mit dem Autozug (Autoverlad) Vereina. Für  CHF 34,- geht es in 18 Minuten durch den Tunnel vom Prättigau ins Engandin. In meinem B&B Hotel gab es vergünstigte Tickets für die Rückreise.

Übernachten: In Guarda gibt es einige wenige Hotels und Ferienwohnungen. Ich wähle das B&B Hotel Guarda Lodge. Das neue Haus mit den modern eingerichteten Zimmern und die guten Bewertungen haben mich überzeugt. Ich werde auch nicht enttäuscht: gemütlich, freundlicher Service, ausgezeichnetes Frühstück und alles perfekt sauber.

Freizeit: Neben einem Spaziergang und Entdeckungen im Dorf selbst kann man in Guarda wunderschöne Wanderungen unternehmen. Tourenvorschläge finden sich unter anderem auch auf der Website der Guarda Lodge. Bei Schlechtwetter oder wenn man einfach mal entspannen möchte, bietet sich ein Besuch im Thermalbad von Scuol an. Wer es gerne mal etwas mondäner haben möchte ist in etwa 45 Minuten in Davos oder in knapp einer Stunde in St. Moritz.

Nach meinem Ausflug zum Caumasee im Juni war dies bereits mein zweiter Ausflug nach Graubünden in diesem Jahr. Ich mag das Bündnerland und das Engadin. Mal schauen, ob ich dann auch im Winter wieder einmal ein Wochenende hier verbringen kann, z.B. zum Langlaufen und Baden.

Schellen-Ursli, Schnee und schnelle Boliden

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