Besigheim: Malerische Stadt mit roten Dächern

Besigheim: mehr als nur Deutschlands schönster Weinort

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Mehr als vier Stunden Verspätung! Die Deutsche Bahn hat einmal mehr gezeigt, dass Zugfahren in Deutschland ein echtes Abenteuer ist. Als ich am Bahnhof Besigheim endlich aus dem Regionalzug steige, bin ich vor allem eins: erschöpft. Doch als ich hinaus in die Nachmittagssonne trete, verfliegt die Müdigkeit. Die Luft ist mild, fast frühlingshaft warm – Anfang März, blauer Himmel, vielleicht 15 Grad.

Besigheim, die kleine Stadt am Zusammenfluss von Neckar und Enz im Landkreis Ludwigsburg, wurde 2010 vom MDR-Fernsehen zum schönsten Weinort Deutschlands gekürt. Ein Titel, der Erwartungen weckt. Wer hierherkommt, erwartet Postkartenidylle und bekommt sie auch. Aber hinter dem Label steckt mehr: eine erstaunlich gut erhaltene mittelalterliche Altstadt, eine Weinbautradition, die sich bis in die Stauferzeit zurückverfolgen lässt, und eine Landschaft, die man erst richtig begreift, wenn man die Steilhänge selbst erwandert hat. Besigheim ist Mitglied der Deutschen Fachwerkstraße und liegt auf der Strecke «Vom Neckar zum Bodensee».

Weinberge, Fachwerk und ein Wochenende zwischen Neckar und Enz: Erlebe mit mir, was Besigheim abseits seines Titels zu bieten hat – von den Aussichtspunkten über den Steillagen bis in die Gassen der Altstadt.

Durch die Altstadt von Besigheim

Unten in der Stadt angekommen, tauchst du in eine andere Welt ein. Die auf einem langgezogenen Bergsporn gelegene Altstadt von Besigheim wird auf drei Seiten von Enz und Neckar umschlossen, eine natürliche Festung, die die Markgrafen von Baden um 1220 mit Mauern, Türmen und zwei Burganlagen ausbauten.

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Besigheim wurde 1153 erstmals urkundlich erwähnt, als Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Schenkung eines Gutshofs an den badischen Markgrafen Hermann III. in Straßburg bezeugte. Im Lauf der Jahrhunderte wechselte die Stadt mehrfach zwischen Baden und Württemberg, bis sie 1595 endgültig württembergisch wurde. Der Weinbau, die Flößerei auf der Enz und das Handwerk brachten Wohlstand, der sich bis heute in den Häusern zeigt. Wer durch die Gassen geht, sieht an jeder Ecke die Spuren dieses Reichtums: aufwendig verzierte Fachwerkfassaden, breite Toreinfahrten und steinerne Erdgeschosse, die einst als Lager oder Werkstätten dienten. Besigheim war nie ein Bauerndorf, sondern stets eine selbstbewusste Kleinstadt mit Marktrecht und Weinhandel.

Die Besigheim Sehenswürdigkeiten reihen sich hier auf engem Raum aneinander. Mehr als zwei Kilometer der alten Stadtmauer sind erhalten geblieben. Der wuchtige Schochenturm, ein 38 Meter hoher Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert, prägt die Silhouette der Stadt und ist von fast jedem Aussichtspunkt der umliegenden Weinberge zu sehen. Der 29 Meter hohe Waldhornturm ist ein Relikt der unteren Stauferburg aus dem Jahr 1220 und öffnet in den Sommermonaten sonntags seine Aussichtsplattform. In der zwischen 1450 und 1500 erbauten evangelischen Stadtkirche befindet sich ein sehenswerter spätgotischer Schnitzaltar aus Lindenholz. Das Steinhaus, ein ehemaliger Adelssitz aus dem 13. Jahrhundert, ist ein seltenes Beispiel frühgotischer Architektur und steht unter Denkmalschutz.

Das eigentliche Erlebnis ist jedoch nicht die einzelne Sehenswürdigkeit, sondern ihr Zusammenspiel. Der von Fachwerkhäusern umrahmte Marktplatz ist das Herzstück. Hier befindet sich das historische Rathaus, das 1459 von Markgraf Karl von Baden als Markthalle erbaut wurde und sich durch seinen imposanten alemannischen Fachwerkgiebel auszeichnet. Einst fuhren Kutschen direkt ins Erdgeschoss, um Waren abzuladen; die originalen Pflastersteine liegen noch heute auf dem Boden. Gegenüber hält die Brunnenfigur des Marktbrunnens das Wappen der Markgrafschaft Baden und kehrt dabei dem württembergischen Stuttgart demonstrativ den Rücken zu. Ein Detail, das viel erzählt.

Meine Lieblingsecken in der Altstadt

Besonders angetan bin ich vom Dreigiebelhaus. Es bestand ursprünglich aus drei separaten Häusern, die zwischen 1486 und 1501 von verschiedenen Besitzern errichtet wurden. Sie wurden zusammengelegt, dann wieder getrennt und seit den 1980er-Jahren erneut vereint. Diese bewegte Baugeschichte ist typisch für die organische Entwicklung solcher Altstädte und prägt das Ensemble. Im Erdgeschoss befindet sich heute eine Buchhandlung, im Obergeschoss ein gemütliches Café mit schiefen Balken und Blick aufs Rathaus. Einer jener Orte, an denen man hängenbleibt.

Dreigiebelhaus

Die Gabelung in der Kirchstraße mit Blick auf Berne’s Altstadthotel ist ebenfalls wunderschön. Fachwerk, blühende Fensterkästen, Gassen, die sich in verschiedene Richtungen verzweigen. Hier spürt man, dass Besigheim kein Freilichtmuseum ist, sondern eine lebendige Stadt, in der Menschen wohnen, arbeiten und natürlich Wein trinken. Entlang der Gasse «Auf der Mauer» führt ein besonders schöner Spazierweg auf der historischen Stadtmauer mit Blick über die Weinberge und die Umgebung.

Fachwerkhäuser in malerischer Altstadt
Berne’s Altstadthotel

Enzweg und Mühlesteg

Empfehlenswert ist ein Spaziergang entlang des Enzwegs, der dich direkt am Ufer der Enz durch das idyllische Flusstal führt. Seit der Eröffnung des neuen Mühlestegs hat die Stadt eine weitere Attraktion dazugewonnen: Die elegante Fußgängerbrücke verbindet die Altstadt mit dem gegenüberliegenden Ufer und bietet einen wunderbaren Blick auf die Stadtsilhouette mit ihren Fachwerkhäusern und Wehrtürmen. Besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Sandsteinfassaden in warmes Licht taucht, lohnt sich ein Abstecher über den Steg.

Mein Tipp: Kombiniere den Enzweg mit dem Stadtmauer-Rundgang. So bekommst du Besigheim sowohl von unten am Wasser als auch von oben auf der Mauer zu sehen. Besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Sandsteinfassaden in warmes Licht taucht, lohnt sich ein Abstecher über den Steg.

Zwischen Steillagen und schönster Weinsicht

Um Besigheim zu verstehen, muss man die Altstadt verlassen und hinauf in die Weinberge steigen. Auf den Wegen durch die Steillagen sind Spaziergänger unterwegs: Paare, Familien und Hunde. Die Stimmung ist gelöst, beinahe südländisch.

Die Weinberge hier sind sehr steil. Richtig steil. Die terrassierten Steillagen fallen mit einem Gefälle von teilweise über 50 Prozent ab. Sie werden von Trockenmauern aus Muschelkalk gestützt, die als natürliche Wärmespeicher fungieren und den Reben ein fast mediterranes Mikroklima schenken. Auf schmalen Monorail-Schienen, die sich durch die Rebzeilen ziehen, werden Kisten und Geräte transportiert. Dieser Anblick erinnert mich sofort an den Rebenweg am Bielersee in meiner Schweizer Heimat. Hier ist jedoch alles eine Spur dramatischer, steiler, enger und wilder.

Anfang März sind die Reben noch kahl. Die Weinberge bilden ein grafisches Muster aus braunen Stöcken und grauen Mauern. Man muss sich dazu denken, wie es hier im Sommer aussieht, wenn alles grünt, oder im Herbst, wenn sich die Blätter verfärben und die Lese beginnt. Gerade in dieser kargen Schönheit liegt jedoch ein besonderer Reiz: Die Struktur der Landschaft tritt offen zutage und die harte Arbeit der Winzer in den Steillagen wird sichtbar. Jede Trockenmauer wurde von Hand geschichtet, jeder Rebstock einzeln gepflegt. Das ist ein Knochenjob, für den man schwindelfrei sein muss.

Weinberge über einer Stadtlandschaft
Besigheim Weinberge

Die Aussichtskanzel am Niedernberg ragt auf einer Gitterplattform über den Weinberg hinaus. Von hier blickst du hinunter auf Besigheim, auf die Dächer der Altstadt, auf die Enz, die sich unterhalb der Stadtmauer durch das Tal windet, Enz, die sich unterhalb der Stadtmauer durch das Tal windet, und auf den Neckar, in den sie wenige hundert Meter weiter mündet. Auf der gegenüberliegenden Flussseite liegen die berühmten Hessigheimer Felsengärten, ein seit 1942 unter Schutz stehendes Naturschutzgebiet mit bizarren Muschelkalkfelsen. An diesem klaren Märztag sieht man sie deutlich: Sie ragen über den Weinbergen auf wie eine natürliche Festung. Ein Bild, das man nicht so schnell vergisst.

Historische Stadt mit Fluss und Hügeln
Besigheim und Hessingheimer Felsengärten

Hier oben versteht man, warum Besigheim diesen Titel trägt. Die Kombination aus Flusslandschaft, Steillagen und mittelalterlicher Silhouette ist in Deutschland tatsächlich einzigartig. Die sonnenverwöhnten Hänge bieten ideale Bedingungen für Rebsorten wie Trollinger, Lemberger und Riesling. Die örtlichen Winzer haben sich zur Felsengartenkellerei zusammengeschlossen. Sie hat ihren Sitz im benachbarten Hessigheim und wurde wiederholt als beste deutsche Winzergenossenschaft ausgezeichnet. Wer die Weinberge auf eigene Faust erkunden möchte, findet auf Outdooractive ausgeschilderte Rundwege. Eine beliebte und fordernde Variante ist die Himmelsleiter mit ihren 411 Stufen vom Enztal durch die Steillagen.

Die Hessigheimer Felsengärten

Den Weg hinunter ans Wasser solltest du dir nicht entgehen lassen. Der Neckar fließt hier breit und ruhig, fast träge, zwischen bewaldeten Ufern. Ein Spazierweg führt flussabwärts in Richtung Hessigheim vorbei an Schrebergärten und Obstwiesen, die in der Märzsonne langsam zum Leben erwachen. Nach etwa einer halben Stunde tauchen die Felsengärten auf, die aus der Nähe noch eindrucksvoller wirken als von der Aussichtskanzel aus.

Die bis zu 25 Meter hohen Muschelkalkfelsen ragen aus den Weinbergen empor. Sie sind verwittert und zerklüftet und mit Moos und Flechten bewachsen. An den Felswänden hängen Kletterer in den Routen, während unten auf dem Weg Spaziergänger stehen bleiben und nach oben schauen. Es ist eine seltene Landschaft, die vor über 200 Millionen Jahren entstand, als hier noch ein flaches Meer lag. Das Gebiet steht seit 1942 zu Recht unter Naturschutz, denn die Felsengärten beherbergen eine besondere Flora und Fauna, darunter seltene Trockenrasenarten und wärmeliebende Pflanzen, die man eher im Mittelmeerraum erwarten würde.

Dass direkt daneben Reben wachsen, verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches, als hätte jemand zwei Landschaften ineinandergeschoben, die eigentlich nicht zusammengehören. Wer aus den Weinbergen kommt und plötzlich vor diesen Felstürmen steht, braucht einen Moment, um die Szenerie einzuordnen. Es ist diese Mischung aus Wildnis und Kulturlandschaft, aus geologischer Urzeit und jahrhundertealtem Weinbau, die die Felsengärten zu einem der eindrücklichsten Orte der Region macht.

Übernachten

Unterkunftstipp: Das Hotel am Markt liegt direkt am Marktplatz und is in einem Fachwerkhaus von 1614 untergebracht. Die Brüder Christoph und Philipp Leibrecht haben das Gebäude mit Liebe zum Detail zu einer modernen Unterkunft in historischen Mauern umgebaut.

Der erste Eindruck ist stilvoll: personalisierte Schlüsselboxen am Empfang, ein liebevoll dekorierter Innenhof, überall Pflanzen und kleine Details, die zeigen, dass hier jemand mit Herzblut bei der Sache ist. Die Zimmer selbst sind bewusst reduziert. Sie sind modern, mit alten Fachwerkbalken als Akzent, klaren Linien und hochwertigen Materialien. Kein Schnickschnack, aber stimmig.

Gemütlicher Innenhof eines Hotels
Hotel am Markt

Das Frühstück wird in einem hübschen Raum mit einer schön gestalteten Buffettheke serviert. Das Angebot ist eher übersichtlich als üppig, dafür stimmt die Qualität. Als Ausgangspunkt für die Erkundung der Altstadt ist die Lage kaum zu übertreffen: Marktplatz, Rathaus und Dreigiebelhaus liegen direkt vor der Tür.

Gemütliches Café mit Holzregalen.
Hotel am Markt

Anreise und Tipps

Besigheim ist mit der Regionalbahn von Stuttgart und Heilbronn aus gut erreichbar – sofern die Deutsche Bahn mitspielt. Mit dem Auto erreicht man die Stadt über die B27 via Ludwigsburg. Der nächste Flughafen ist der Flughafen Stuttgart.

Wer einen Tag mehr einplant, dem empfehle ich einen Abstecher ins benachbarte Bietigheim-Bissingen. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer südlich und besitzt ebenfalls eine sehenswerte Fachwerkaltstadt mit dem markanten Rathaus und dem Hornmoldhaus. Zusammen ergibt sich so ein stimmiges Wochenende, das die Vielfalt der Region gut abbildet.

Zur Reisezeit: Ich war Anfang März dort und hatte das Städtchen fast für mich allein. Im Sommer und besonders zur Weinlese dürfte es deutlich voller sein. Alle zwei Jahre findet im September das Besigheimer Winzerfest statt, das als eines der schönsten Weinfeste Deutschlands gilt. Der Frühling, bevor die Saison richtig losgeht, hat aber seinen ganz eigenen Reiz – gerade in den noch kahlen Weinbergen, wenn die Landschaft ihre Struktur zeigt.

Mehr als ein Titel

Als erfahrene Reisende nimmt man ein Label wie «Schönster Weinort Deutschlands» mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Zu oft sind sie reines Marketing, zu selten halten sie, was sie versprechen. Bei Besigheim ist das anders. Nicht, weil der Titel irgendeine objektive Wahrheit abbildet – wie sollte man das auch messen? –, sondern weil er in die richtige Richtung weist.

Besigheim ist eine jener Kleinstädte, in denen sich alles verdichtet: Geschichte und Landschaft, Wein und Fachwerk, Steilhänge und Flussufer. Dazwischen herrscht eine Gelassenheit, die in größeren Orten fehlt. An einem Märzsonntag in den Weinbergen mit Blick auf die mittelalterliche Silhouette und die Hessigheimer Felsengärten im Hintergrund versteht man: Das hier ist nicht inszeniert. Es ist einfach so gewachsen.

Ist das nun der schönste Weinort Deutschlands? Ich weiß es nicht. Aber ein Ort, der zwischen Reben und Fachwerk eine Schönheit besitzt, die weit über jedes Label hinausgeht, das ist Besigheim ganz sicher.

Ob du einen entspannten Tagesausflug planst oder Besigheim als Station auf der Deutschen Fachwerkstraße besuchst, dieser Ort wird dich begeistern. Die Mischung aus Geschichte, Weinkultur und Natur macht Besigheim zu einem der charmantesten Städtchen in ganz Baden-Württemberg. Komm am besten zur Weinlese im Herbst, wenn die Weinberge in Gold- und Rottönen leuchten und der neue Wein in den Besenwirtschaften ausgeschenkt wird.

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Schöne Fachwerkhäuser in Besigheim
Besigheim
Schriftzug Travellingcarola

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Autor:in
Carola ist eine leidenschaftliche Teilzeitnomadin, die ihren Vollzeitberuf mit Reiselust verbindet. Sie ist der Kopf hinter Travellingcarola und seit 2016 eine wahre Inspirationsquelle für alle, die die Welt entdecken wollen. In ihren authentischen Reiseberichten teilt sie einzigartige Erlebnisse und gibt praktische Tipps.

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