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Poschiavo, ein Wochenende im südöstlichsten Zipfel der Schweiz

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Vier Stunden Fahrt, das gilt in einem Land wie der Schweiz schon als eine kleine Ewigkeit. So lange benötige ich für die Anreise nach Poschiavo. Und doch möchte ich den Weg nicht missen. Er führt durchs Engadin, vorbei am Silvaplanersee nach St. Moritz, über den Berninapass und durchs Valposchiavo Richtung Veltlin – dorthin, wo Palmen wachsen, das Klima mediterran ist und südländisches Lebensgefühl herrscht.

Das kleine Dorf Poschiavo im Herzen des Puschlav ist ein Schmuckstück, reich an kulinarischen Spezialitäten und Ausgangspunkt für spannende Erkundungen. Davon berichte ich in diesem Artikel.

Die Valposchiavo

Bei der Valposchiavo handelt es sich um ein Seitental des italienischen Veltlins. Tatsächlich ist es weit abgelegen vom Rest der Schweiz, irgendwo am südlichsten Rand Graubündens. Manche behaupten sogar, die Valposchiavo liege am Ende der Schweiz. Ganz so schlimm ist es nicht, aber wer das Tal besuchen will, muss eine längere Anreise in Kauf nehmen. Egal, ob du die Anreise mit der Rhätischen Bahn (UNESCO Welterbe) oder mit dem Auto über den Berninapass wählst, ohne Entschleunigung geht es nicht!

Von der Passhöhe bis Campocologno, den letzten Ort vor der italienischen Grenze, sind es gerade einmal 30 Kilometer, auf denen 2’000 Höhenmeter zu überwinden sind. In weniger als einer Stunde geht es vom gletscherbedeckten Hochgebirge in Regionen mit mediterraner Vegetation am Talausgang. Mit einer Fläche von 237 km² und gerade einmal 4’500 Einwohnern zählt das Puschlav zu den am wenigsten dicht besiedelten Gebieten der Schweiz.

Vom 15. bis ins 18. Jahrhundert war die Valposchiano ein florierendes Tal. Vor allem nach der Eroberung des Veltlins durch die Büdner im Jahre 1512 entwickelte sich ein reger Handel mit Italien. Die Wende kam erst, als Napoleon 1797 das Veltlin besetzte und in die Cisalpinische Republik eingliederte. Die neue Grenze entzweite und schwächte die Talgemeinschaft. Die erste Straße über den Berninapass wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, sodass auch der Norden nur schwer erreichbar war. Die kargen Böden konnten die Bevölkerung nicht mehr ernähren. Kein Wunder erhielt die Valposchiavo den Namen «verlorenes Tal».

In der Folge verarmte die Bevölkerung. Viele wanderten aus und versuchten in den Metropolen Italiens, Spaniens, Englands und Russlands ihr Glück als Zuckerbäcker, eröffneten Confiserien und Hotels. Einige Familien brachten es so zu beachtlichem Reichtum. Oftmals floss das Geld zurück ins Tal. Emigranten, die den Lebensabend in der Valposchiano verbringen wollten, errichteten herrschaftliche Palazzi, die Poschiavo eine unverwechselbare Atmosphäre geben.

Heute wie damals waren und sind die Einwohner der Valposchiavo stark mit der Region verwurzelt. Sie sprechen, den Dialekt Pus’ciavin, italienisch und teilweise Deutsch oder Rätoromanisch. Deshalb darfst du dich nicht wundern, wenn du im Puschlav mit «Bundi» begrüßt wirst.

Poschiavo

Pulsierendes Zentrum des Tals ist die 3’500-Seelengemeinde Poschiavo. Dabei ist Poschiavo anders, als man es von einem typischen Bündner Bergdorf erwarten würde. Der Ort mit seinen majestätischen Palazzi und den zwei Kirchen versprüht Prunk und Eleganz. Das Borgo (Dorf) Poschiavo ist voll von kulturellen, historischen und gastronomischen Überraschungen.

Poschiavo: prunkvolle Palazzi und zwei Kirchen

Die Piazza da Camün ist Lebensmittelpunkt für Einheimische und Besucher gleichermaßen. Rund um den Dorfbrunnen gruppieren sich die katholische Kirche, «La Tor», der alte Wehrtum, in dem früher die Hexenprozesse stattfanden, und wunderbar verzierte pastellfarbene Häuser. Mit dem Hotel Albrici befindet sich hier eines der besten Hotels und Restaurants von Poschiavo. In diesem Swiss Historic Hotel kannst du in die Geschichte des Palazzo aus dem 17. Jahrhundert eintauchen und in originell eingerichteten historischen Zimmern übernachten.

Ab der zweiten Hotelübernachtung erhältst du die Valposchiavo All Inclusive Guest Card gratis mit dazu. Diese berechtigt zur freien Fahrt auf allen Regionalzügen der Rhätischen Bahn, den regulären Postautokursen und zur Kreuzfahrt auf dem See. Eintritte in diverse Museen, den Gletschergarten und einige sportliche Aktivitäten sind ebenfalls inklusive.

Das Einzige, was vielleicht stören mag, ist das Läuten der Kirchenglocken. Das ist in Poschiavo oftmals doppelt zu vernehmen. In dem kleinen Ort gibt es tatsächlich zwei Kirchen, die alte katholische Stiftskirche St. Viktor mit dem Memento mori, dem Beinhaus, und eine neuere evangelischen Kirche. Mitte des 16. Jahrhunderts entstand die von italienischen Flüchtlingen gegründete protestantische Gemeinde in Poschiavo. Anfangs lebten beide Konfessionen friedlich nebeneinander. Die Wende brachte ein wenig ruhmreiches Ereignis in der Geschichte des Puschlav, der Veltliner Mord 1620. In einem regelrechten Massaker wurde ein Großteil der reformierten Minderheit ermordet oder vertrieben. Bis alle wieder friedlich miteinander leben konnten, zog viel Zeit ins Land.

Am südlichen Ortsrand des Borgo stehen mehrere herrschaftliche Häuser im neoklassizistischen Stil aus dem 19. Jahrhundert. In der Via Palazz erinnert so gar nichts an ein Bünder Bergdorf. Dabei war es die Armut, die die Bewohner von Poschiavo und der Valposchiavo in die Fremde trieb. Diejenigen, die als Zuckerbäcker in aller Welt reich wurden, errichteten hier prächtige Paläste. Im Rahmen der Sommerkonzertreihe «Giardini incantati» sind zahlreiche Gärten der Palazzi einem breiten Publikum zugänglich. Ein anderer Palast außerhalb des Spaniolenviertels, der Palazzo de Bassus-Mengotti, beherbergt heute das Museum von Poschiavo.

Dass der Reichtum ungleich verteilt war, davon zeugt die Casa Tomé. Während wenige wohlhabende Familien zur Gestaltung des kulturellen, politischen und sozialen Lebens beitrugen, sah die Realität der bäuerlichen Bevölkerung ganz anders aus. Die Casa Tomé ist ein erstaunlich gut erhaltenes Bauernhaus aus dem 14. Jahrhundert im Zentrum Poschiavos. Bis 1992 bewohnten die Schwestern Tomé das Haus, in dem es kaum bauliche Veränderungen und Modernisierungen gab. Bis zuletzt gab es weder Heizung noch sanitäre Einrichtungen. Einzig Licht, der Elektroherd in der Küche und eine Kaltwasserleitung sorgten für ein wenig Komfort. Nach dem Tod der Schwestern wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt und in ein Museum umfunktioniert.

Erstaunlich ist, dass der Borgo mit der Casa Console sogar mit einem Kunstmuseum aufwarten kann. Hier befindet sich eine bedeutende Sammlung von Bildern des deutschen Malers Carl Spitzweg.

100 % Valposchiavo

Die Bewohner wissen zu schätzen, was das Tal zu bieten hat. Der größte Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche (95 %) wird von Bio-Suisse zertifizierten Betrieben bewirtschaftet. Das ist schweiz- und sogar weltweit einzigartig. Sie sorgen für eine herausragende Qualität und für Innovation.

Die so produzierten lokalen Produkte werden zu einem großen Teil direkt vor Ort weiter verarbeitet. Aus Milch, Fleisch und Obst entstehen hervorragender Käse, qualitativ hochwertige Wurstwaren, Fruchtsäfte und Konfitüren. Neuerdings wird sogar Olivenöl gepresst. Die Molino & Pastificio SA versorgt die Region mit Pasta, unter anderem den berühmten Pizzocheri di Poschiavo, und die Familie Raselli in Le Prese ist bekannt für Tee und Kräuter.

Weinberg gibt es nur einen einzigen in der Valposchiavo. Aber es bestehen Sonderregelungen für den Import und die Bezeichnung von Weinen aus dem Veltlin. DOCG (Denominazione di origine controllata e garantita) Valtellina Superiore ist die einzige Herkunftsbezeichnung, die grenzüberschreitend verwendet werden darf. Im Veltlin produziert man fast ausschließlich Rotweine. So einen Valtellina oder Veltliner Wein solltest du unbedingt probieren. Er hat jedoch nichts mit dem für Niederösterreich so typischen Grünen Veltliner zu tun.

Im Ort und im Tal gibt es derzeit dreizehn Gastrobetriebe, die sich mit dem Label 100 % Valposchiavo schmücken dürfen. Damit einher geht die Verpflichtung, lokale Produkte zu verwenden und deren Verkauf zu fördern. Ein Gericht mit der Auszeichnung 100 % Valposchiavo darf ausschließlich aus Rohstoffen und Zutaten bestehen, die im Tal angebaut und verarbeitet werden. Jeder der teilnehmenden Betriebe hat mindestens drei solcher Spezialitäten auf der Speisekarte. Die Philosophie, Gerichte nur mit Zutaten aus der Region anzubieten, gefällt mir. Sie ist zeitgemäß, nachhaltig und umweltschonend.

100% Valposchiavo, eine wichtige Initiative

Die Küche Graubündens und des Valposchiavos ist für mich ein kleines Schlaraffenland. Brot als Grundnahrungsmittel wird im Puschlav seit jeher in Ringform gebacken. So konnte das Roggensauerteigbrot auf Stangen aufgehängt und vor Mäusen und Ungeziefer geschützt gelagert werden. Nicht wegzudenken vom Speiseplan sind die Puschlaver Pizzocheri, die Buchweizennudeln, die mit Kartoffeln und Gemüse gekocht und mit Käse, Knoblauch, Butter und Salbei angerichtet werden. Typisch für die Region sind die Spinatspätzle Capunet, Sciatt, ausgebackene Käsewürfel, oder Crespelle, herzhafte mit Gemüse gefüllte und mit Käse überbackene Pfannkuchen.

Die traditionellen Gerichte sind einfach und nahrhaft – währschaft, wie wir in der Schweiz sagen. Fast alle enthalten Käse. Deshalb ist 100 % Valposchiavo für Veganerinnen und Veganer kaum geeignet. Die gute Nachricht: Im Puschlav gibt es aufgrund der Nähe zu Italien fantastische Pasta- und Pizzakreationen.

Aktivitäten rund um Poschiavo

Spaziergang um den Lago di Poschiavo

Etwa vier Kilometer von Poschiavo entfernt liegt direkt am See das kleine Örtchen Le Prese. Gleich beim Bahnhof startet der Rundweg um den Lago die Poschiavo. Besonders schön ist das schroffe Ostufer, wo der Weg durch kleine Tunnel und vorbei an den Überresten des prähistorischen Bergsturzes führt. Dieser war übrigens für die Bildung des Sees verantwortlich. Jeweils am Beginn des Uferwegs weisen Schilder auf möglichen Steinschlag hin. Das Begehen erfolgt auf eigene Gefahr. Auf ausgedehnte Pausen solltest du hier besser verzichten.

Die Landschaft am Ostufer ist völlig unverbaut und erst am südlichen Ende des Sees lockt das Restaurant Miralago zur Einkehr. Die Westseite verläuft direkt neben der Bahnlinie und unterhalb der Straße, was weniger idyllisch ist. Insgesamt handelt es sich bei dem Rundweg um eine sehr leichte Wanderung ohne Höhenmeter, die leicht zu bewältigen ist.

Wenn du es noch bequemer haben möchtest, kannst du auf der La Barca Sassalbo eine kleine Rundfahrt unternehmen und die Aussicht genießen.

Das Kreisviadukt von Brusio

Für Eisenbahnfans gehört die Rhätische Bahn mit ihren Kehrtunneln und Viadukten zum Pflichtprogramm. Ein besonderes Bauwerk liegt am südlichen Dorfrand von Brusio, etwa 600 Meter vom Bahnhof entfernt. Hier dreht sich die Bahn im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis und schlängelt sich unter dem dritten von neuen Bögen durch. Auf einer Länge von 142.8 Metern überqueren die Züge den Talboden auf 7 bis 17 Metern Höhe, um danach wieder in der ursprünglichen Richtung weiterzufahren.

Ich empfehle dir einen Blick in die Fahrpläne. So schaffst du es, diese architektonische Meisterleistung mit einem der typischen roten Züge der Rhätischen Bahn abzulichten.

Alpe San Romerio, zwischen Himmel und Erde

Die Alpe San Romerio gilt als einer der malerischsten Orte der Valposchiavo. Es ist ein besonderer Ort, ein Kraftort. Mit nur zwei Tagen ist meine Zeit im Puschlav leider begrenzt. Die Aussicht von der romanischen Kirche, die auf 1’800 Metern ganz nahe an einer Abbruchkante thront, will ich mir jedoch neben meinem bereits sehr dichten Programm nicht entgehen lassen. Anstelle einer Wanderung (die Via Valtellina führt direkt hier vorbei) entscheide ich mich für die Anreise mit dem Auto.

Gemäß Beschreibung ist es möglich, bis zum Naturparkplatz Piaz zu fahren. Ich bin ja aus dem Wallis steile und enge Straßen gewöhnt, diese Fahrt verlangt mir dennoch einiges ab. Bereits die Straße hoch nach Viano ist einspurig und steil, auf der einen Seite die Felswand, auf der anderen der Abgrund. Danach geht es weiter auf Naturstraßen und durch den Wald. Bei entgegenkommenden Autos sind Millimeterarbeit und teils weite Strecken im Retourgang angesagt.

Ungeübten Autofahrern rate ich daher eher zur Anreise mit dem Postauto. Die Fahrt (Publicar) muss mindestens eine Stunde vorher reserviert werden. Von Viano aus sind es zwei Stunden Fußmarsch bis zur Alp oder du lässt dich gegen einen Aufpreis bis zum Parkplatz Piaz fahren. Von Piaz aus wanderst du noch etwa 20 Minuten bis zum Refugio. Der erste Blick auf die Kirche und die Berghütte ist einfach nur magisch.

Die Ruhe hier oben ist regelrecht spürbar. Ich erreiche die Alp am späten Nachmittag und kann gerade noch die letzten Sonnenstrahlen genießen, bevor die Wolkendecke wieder dichter wird. Die Vorstellung, dass die Kirche im 11. Jahrhundert erbaut wurde – der Turm wurde später hinzugefügt – ist beeindruckend. Im Mittelalter wandelte sich die Kirche in ein Kloster und in ein Hospiz. Zusätzlich diente San Romerio den Geistlichen aus dem Veltlin als Sommerstation. Das Innere der Kirche wirkt bescheiden. Wenn du einen Blick ins Gotteshaus werfen willst, kannst du den Schlüssel in der Berghütte holen.

Die Berghütte San Romerio bietet Platz für 32 Gäste in Doppel- oder Mehrbettzimmern und in einem Schlafsaal. Im Ristoro wirst du mit herzhaften regionalen Speisen oder Salaten aus dem eigenen Garten verwöhnt. Gino Bongulielmi und seine Partnerin Carina sind leidenschaftliche Gastgeber, die mit ihrer herzlichen Art den Aufenthalt zu einem Erlebnis machen. Auf San Romerio können alle, die eine Auszeit vom Alltag brauchen, die nötige Ruhe und Abgeschiedenheit finden. Wer lieber aktiv sein möchte, kann wandern, Touren mit dem Mountainbike unternehmen oder auf der Plattform oberhalb des Rifigios Yoga praktizieren. Sowohl einzelne Stunden als auch ein längeres Yoga Retreat sind möglich.

Bevor ich über Viano und Brusio wieder zurückfahre nach Poschiavo, schwöre ich mir ganz fest, beim nächsten Besuch in der Valposchiavo längere Zeit auf der Alpe San Romerio zu verbringen.

Bisher nicht erwähnt habe ich, dass das Puschlav eine Reihe eindrücklicher und aussichtsreicher Wanderrouten bereithält. Natürlich habe ich zwei der schönsten Wanderungen in der Valposchiavo unter die Füße genommen. Die Touren vom Bernina Hospiz nach Cavaglia und von Sfazù zum Lago di Saoseo beschreibe ich im Artikel Wandern im Puschlav.

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Poschiavo Piazza
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