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Mit dem Nachtzug in 14 Stunden von Zürich nach Zagreb

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Mit dem Aufkommen der Billigairlines waren die Nachtzugverbindungen und generell Reisen mit dem Zug in Europa dem Untergang geweiht. Ende 2016 zog sich die Deutsche Bahn aus dem Nachtzuggeschäft zurück. Es war defizitär und man scheute Investitionen. Das veraltete Rollmaterial war nicht mehr attraktiv. Zum Glück hatten die ÖBB damals den richtigen Riecher und ausreichend Weitblick. Sie übernahmen etwa 40 % der Strecken und bewiesen, dass Nachtzüge eben doch noch nicht ganz aus der Zeit sind und dass man die Sparte Nachtzug auch einigermaßen rentabel betreiben kann.

Besser ein attraktives Angebot in petto haben, als den Leuten ein schlechtes Gewissen machen.

Zugute kamen den ÖBB dabei Klimadebatte, gesteigertes Umweltbewusstsein und Flugscham. Dennoch müssen sie sich im Wettbewerb mit Fernbussen und Billigfluggesellschaften behaupten. Die neu bestellten Schlafwagen sind die beste Antwort auf diese Entwicklungen.

Die relativ komfortablen Schlafwagen, insbesondere die Deluxe-Abteile mit eigenem WC und eigener Dusche, sind bereits gut gebucht. Sie bringen auch das meiste Geld. Anders sieht es bei den Sitzplätzen aus. Hier bestimmt der Preis den Markt und wenn Ryanair, Easyjet und Co die Strecken bedienen, hat der Nachtzug in der Regel verloren.

Für mich sind Nachtzüge für Städtereisen innerhalb Europas eine begrüßenswerte Alternative. Ich würde mich freuen, wenn künftig wieder mehr Züge durch die Nacht rollen. Schließlich war früher, als das Fliegen noch teuer und das Zugfahren billig war, Europa von einem gut funktionierenden Nachtzug-Netz überspannt.

Im Beitrag berichte ich von meinen Erfahrungen im Nachtzug, von früher und ganz aktuell von meiner Reise nach Zagreb. Welche Angebote gibt es aktuell von der Schweiz aus und wie sieht die Zukunft der Nachtzüge aus?

Nostalgische Nachtzug-Momente

Meine erste Nachtzugreise führte mich als Teenager mit der Klasse nach Paris. Zu sechst im Liegewagen war an Schlafen nicht zu denken. Das war auch nicht geplant. Zum Glück war der ganze Waggon von uns belegt. Aber derartige Party-Momente kann man eben nur im Zug erleben. Da beginnt der Urlaub schon während der Reise.

Unterwegs von Zürich nach Venedig brachten mich die Kehrtunnel auf der Gotthardstrecke immer ziemlich aus dem Konzept. Und das, obwohl ich in dem Fall gar nicht getrunken hatte.

Als die Nachtzüge noch von der Deutschen Bahn bedient wurden, war ich einmal mit dem Nachtzug quer durch Deutschland nach Hamburg und weiter nach Kiel unterwegs. Auch da habe ich wiederum gute Erinnerungen an die gesellige Runde im Bar-Bistro-Wagen. Weniger toll fand ich die grausam schlechte und miefige Luft im Abteil, einem Liegewagen, den wir uns mit einem jungen deutschen Pärchen teilten. Die beiden waren Backpacker und auf der Heimreise. Erst nachdem sie ausgestiegen waren, bemerkten wir, dass es seine Socken waren, die da alles verpestet hatten.

Aktuelle Erfahrungen mit dem ÖBB Nightjet

Ansonsten nutze ich den Nachtzug immer wieder einmal für die Strecke Richtung Österreich und retour. Das hat tatsächlich den Vorteil, dass ich am frühen Morgen in Zürich ankomme und gleich direkt zur Arbeit gehen kann. Auch wenn ich selbst im Einzelabteil nicht wirklich gut schlafe. Ich werde immer wach, sobald der Zug irgendwo hält. Auch die Dusche im Deluxe-Abteil ist so eine Sache. Die ist sehr eng. Und beim Geruckel des Zuges ist Duschen ein ziemlich schwieriges Unterfangen, das kaum ohne blaue Flecken vonstatten geht.

Dafür wird Service im ÖBB Nightjet wirklich groß geschrieben. Empfangen wird man mit einem Fläschchen Frizzante und einem süßen Betthupferl in der Welcome Bag. Ein Handtuch und Toilettenartikel liegen ebenfalls bereit. Im Deluxe-Abteil hat man sogar einen Tisch und Stühle und muss nicht ständig am Bett sitzen. Das Frühstück bestellt man bereits abends beim Nachtzugschaffner. Dafür liegt eine kleine Karte auf, auf der man einfach die gewünschten sechs Komponenten ankreuzt. Im Angebot Heißgetränke, Orangensaft, Gebäck, Käse, Wurst, Marmelade, Joghurt, … Es gibt nicht alles, aber sehr vieles, was das Herz begehrt.

Der Nachtzug Zürich–Zagreb

Zusätzlich zu den Nightjets bieten die ÖBB in Kooperation mit Partnerbahnen weitere Nachtreisezüge an. Derjenige nach Zagreb wird von der kroatischen Bahn betrieben. Und deshalb sei an der Stelle gesagt, dass sowohl Wagen als auch Service im Vergleich doch ziemlich abfallen.

Während auf der Strecke Wien–Zürich drei Schlafwagen im Einsatz sind, ist es nach Zagreb nur einer. Die Abteile sind ein wenig schmuddelig, aber die Bettwäsche ist sauber. Und Frau sorgt ja sowieso vor und hat einen Seidenschlafsack und gemütliche Klamotten mit dabei. Welcome Drink und Handtücher etc. sucht man hier vergebens. Die «Amenities» erschöpfen sich in einem Erfrischungstüchlein mit Zitronenduft und einer kleinen Flasche Wasser. Der Schaffner weist noch mehrmals darauf hin, dass ich das Abteil unbedingt abschließen sollte. Es gab wohl schon einige Diebstähle. Na dann, gute Nacht.

Immerhin verlässt der Zug pünktlich den Hauptbahnhof Zürich und die Ticketkontrolle findet zügig statt. Etwas blauäugig bestelle ich noch mein Frühstück, nicht von der Karte, sondern in Absprache mit dem Schaffner: Kaffee, Organgensaft, Brot und ein Croissant.

Diesmal schaffe ich es sogar ein wenig zu schlafen. Ab Villach bin ich dann aber schon hellwach und in Jesenice beschließe ich «aufzustehen». Die meisten Gäste verlassen in Ljubljana den Zug. Jetzt bekomme auch ich mein Frühstück. Mit Ausnahme des Kaffees ist davon leider nichts genießbar. Das hätte ich mir sparen können.

In Dobova steigen die Grenzbeamten zu und kontrollieren in Ostblock-Manier mit finsterer Miene und unfreundlichem Befehlston die Reisedokumente. Und dann ist es nach 14 Stunden endlich geschafft, wir erreichen den Bahnhof Glavni kolodvor in Zagreb.

Die Rückfahrt ist leider ein ziemliches Desaster. Zuerst überschlagen sich wegen des Corona-Virus die Ereignisse an der der italienisch-österreichischen Grenze und dann haben wir aufgrund einer Weichenstörung vor Innsbruck fast zwei Stunden Verspätung. Fließend Wasser im Abteil gibt es am Morgen – aus welchen Gründen – auch immer nicht mehr (Erinnerungen an alte Interrail-Zeiten und ein Hoch auf Feuchttücher). Den Kaffee bekommen wir nach Intervention des Schweizer Zugpersonals erst kurz vor Zürich.

Nightjet: Streckennetz und neues Design

Logischerweise gibt es die meisten Nachtzugverbindungen von Österreich aus. Sie führen vor allem nach Deutschland und nach Italien. Trotz Kooperation mit den SBB, sind die Verbindungen in und aus der Schweiz noch eher dünn gesät. Von Zürich aus geht es nach Hamburg oder Berlin, nach Wien (Innsbruck, Salzburg, Linz) und Budapest oder nach Ljubljana und Zagreb.

Andere Destinationen sind nur über Umwege und mit Umsteigen erreichbar. Sämtliche Verbindungen findest du auf der Seite ÖBB Nightjet. Tickets für die Nachtzüge kannst du am einfachsten über das Ticketportal der ÖBB buchen.

Zurzeit hört man es munkeln, dass die einst so beliebte Nachtzugverbindung von Zürich nach Barcelona wieder aufgenommen werden sollte. Erste Kooperationsgespräche sind wohl im Gange.

Was mich wirklich zuversichtlich stimmt, ist dass die ÖBB dreizehn neue Nightjets bestellt haben. 2022 sollten die ersten Nachtzüge im neuen Design auf die Schiene kommen. Die siebenteiligen Kompositionen aus zwei Sitz-, drei Liege- und zwei Schlafwagen versprechen wesentlich mehr Komfort. Die Minisuiten in den Liegewagen sorgen für ausreichend Privatsphäre. In den Schlafwagen wird es künftig auch in den Standardabteilen eine eigene Toilette geben. Ist doch praktisch, wenn man nicht mehr raus muss. Auch WLAN soll es künftig in allen Zügen geben.

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Nachtzug als Alternative zum Fliegen?

In einem anderen Artikel zu Städtereisen mit dem Zug habe ich geschrieben, dass Nachtzugreisen ziemlich ins Geld gehen. Solange die Tickets für eine Fahrt im Nachtzug von Zürich nach Berlin das Zehnfache dessen kosten, was man bei einer Billigairline bezahlt, haftet der Fahrt mit dem Nachtzug etwas Elitäres an. Das erhöhte Umweltbewusstsein endet bei den meisten sehr schnell, wenn es den eigenen Geldbeutel betrifft oder die Mobilität einschränkt. Da vergisst man auch die CO2-Bilanz und das Buchen von spottbilligen Flügen wird bevorzugt.

Wie eingangs erwähnt, bin ich der Ansicht, dass man nur mit einem attraktiven Angebot Kunden gewinnen kann. Mit ziemlicher Sicherheit werden Nachtzugreisen in absehbarer Zeit nicht für die breite Masse sein. Die Tatsache, dass man einigermaßen ausgeruht (ersetzt eine Übernachtung im Hotel) mitten in der Stadt ankommt, ist immerhin ein enormer Vorteil. Das Schöne ist, dass man mit dem Zug langsam und bewusst reist. Man wird nicht einfach in ein fremdes Land oder in eine andere Stadt versetzt.

Das ausschlaggebende Kriterium für mich wird sein, dass es künftig mehr und attraktivere Verbindungen – nicht nur Richtung Wien – gibt. Wenn das Streckennetz in Europa wieder ausgebaut wird und die modernen Wagen der ÖBB durch die Nacht rollen, werde ich bestimmt wieder öfter mit dem Nachtzug reisen. Insbesondere Reisen nach Italien oder Deutschland wären interssant. Vielleicht gibst du dem Nachtzug ja auch eine Chance.

Gang im Schlafwagen Nachtzug Zagreb
Mit dem Nachtzug in 14 Stunden von Zürich nach Zagreb 3

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