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Gdansk, Sopot und Gdynia: drei Tage in der Dreistadt

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Die Trojmiasto oder Dreistadt, ist ein Ballungszentrum in der Danziger Bucht. Gdansk, Sopot und Gdynia sind zwar miteinander verbunden, aber völlig unterschiedliche Städte mit einem ganz eigenen Charakter. An der polnischen Hafenstadt Danzig scheiden sich die Geister: die einen schwärmen von ihrer Schönheit, andere wiederum erzählen mir, dass sie der Stadt nichts abgewinnen konnten.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Danzig wie andere polnische Städte zu mehr als 90% zerstört. Und doch spaziert man heute durch eine vermeintlich gut erhaltene Altstadt. Aber diese ist weder gut erhalten noch restauriert, sondern tatsächlich rekonstruiert. Es handelt sich sozusagen um eine «neue Altstadt». Deshalb wirkt Danzig heute ein bisschen wie ein Freilichtmuseum. Irritierend ist auch, dass der mittelalterliche Stadtkern völlig neu errichtet wurde, man aber auf die Rekonstruktion der Barockbauten verzichtete, was ein etwas unorganisiertes Stadtbild ohne Übergänge zu den neuen Vierteln zur Folge hat.

Seine Blütezeit erlebte Danzig zur Zeit der Hanse im 16. und 17. Jahrhundert. Die Farben der Hanse (weiß und rot) finden sich heute noch in den Stadtwappen von Gdansk.

Was mir an und in der Hansestadt Danzig gefallen hat und warum ihr unbedingt auch die beiden anderen Städte der Trojmiasto besuchen sollte, erzähle ich euch in diesem Artikel.

Tag 1: Zentrum von Danzig

Stadtspaziergang durch Recht- und Altstadt von Gdansk

Selbstverständlich beginnt mein Aufenthalt mit der Erkundung von Recht- und Altstadt. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Danzigs befinden sich schließlich in Glowne Miasto. Das historische Zentrum ist bequem und unkompliziert zu Fuß zu erkunden. Routen und alles, was man dabei nicht verpassen sollte, findet man in jedem Reiseführer. Deshalb gehe ich hier auch nicht näher darauf ein.

Für mich ist Rechtstadt so etwas wie eine Fassade.

Die Rechtstadt empfinde ich lediglich als Fassade, nicht wegen der eingangs erwähnten Rekonstruktion nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern weil hier kein Leben stattfindet. Hier gibt es keine Geschäfte für die Einheimischen. Touristenrestaurants und Bernstein-Juweliere so weit das Auge reicht. Die vielen Ferienwohnungen (Airbnb lässt grüssen) tragen wohl ihr Übriges zu dieser Situation bei. Ein wenig, aber nicht wesentlich, besser wird die Situation in der Altstadt. Insofern ist die Innenstadt für mich der langweiligste und nichtssagendste Bereich der Stadt. Das mag verwundern, kommen doch die meisten genau aus diesem Grund.

Mein persönliches Highlight sind also weder der Dlugi Targ noch die Frauengasse, sondern die Aussicht vom Turm der Marienkirche (10 Zloty für 402 Stufen) und das Innere des Krantors an der Motlawa.

Das Werftgelände von Danzig: Stocznia Gdanska

Die Danziger Werft ist ein historischer Ort mit viel Geschichte. Sie ist Zeugin des großen Streiks in Polen und Geburtsstätte der Solidarnosc, der 1980 gegründeten Gewerkschaft, die maßgeblich zur politischen Wende in Polen beitrug, Arbeitsplatz von Lech Walesa, des ersten Präsidenten des freien Polens und Friedensnobelpreisträger.

Für meinen Museumsbesuch in Danzig wähle ich das European Solidarity Center. Mit einem Audioguide bin ich fast zwei Stunden lang in der Ausstellung unterwegs und tauche ein in die Geschichte der Solidarnosc – absolut empfehlenswert! Die Gewerkschaftsbewegung Polens, der kalte Krieg und das Ende des Ostblocks sind tief verbunden mit meinen Jugenderinnerungen und einem ersten Interesse für Nachrichten und Politik.

Von der Aussichtsterrasse im sechsten Stock hat man übrigens eine hervorragende Aussicht über die Stadt und das Werftgelände mit seinen Kränen. Ein weiterer guter Aussichtspunkt auf die Werft ist die Fußgängerführung bei der Haltestelle der SKM. Durchs Werftgelände führt außerdem eine Touristenroute. Dabei kommt man unter anderem die Werkstatt von Lech Walesa vorbei.

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Spaziergang auf der Speicherinsel und am rechten Ufer der Motlawa

Die abendlichen Sonnenstrahlen lassen sich gut in den Liegestühlen vor der Philharmonie genießen. Hier steht auch der berühmte GDANSK-Schriftzug, der ununterbrochen als Klettergerüst herhalten muss. Dahinter dreht sich das Amber Sky, das Riesenrad von Danzig. Entlang der Marina findet man einige gute Restaurants, etwas abseits des Touristentrubels. Die Speicherinsel gleicht aktuell einer riesengroßen Baustelle. Die Gebäude haben zwar die typischen Giebel, sind ansonsten mit ihren modernen Fassaden ein Kontrast zum gegenüberliegenden Ufer der Stadt.

Tag 2: Danzig und seine Außenbezirke und Küstenstädte

Für 23 Zloty kaufe ich eine 24-Stunden-Karte für Tram, Bus und Züge der SKM (gültig in der gesamten Dreistadt-Region) und gehe so auf Entdeckungstour.

Zaspa

Gibt es einen Grund, eine vermeintlich trostlose Plattenbausiedlung zu besuchen? Hier in Danzig schon, die sogenannten Murals nämlich. Das sind riesige Graffitis, welche hier die trostlosen Hauswände zieren. Die ersten entstanden bereits 1997. Mehr als 60 sind es mittlerweile. Lech Walesa begegnet mir hier ebenfalls wieder in Form eines Wandgemäldes am Block, wo sich einst die Wohnung der Familie befand.

Als Zwischenstopp ist der Spaziergang ganz nett. Man ist nahe dran am Leben der Danziger und erlebt Zaspa als Stadt in der Stadt. Es ist erstaunlich grün und es gibt viele Spielplätze und Sportanlagen. Extra hinfahren würde ich allerdings nicht. Mural Gdansk Zaspa bietet übrigens geführte Touren an. Ich bin mit dem auf der Website zur Verfügung gestellten Plan unterwegs.

Oliwa

Keine fünf Kilometer weiter wartet mit dem Dom zu Oliva ein architektonisches Meisterwerk und mit dem Klang der barocken Orgel auch ein Ohrenschmaus. Wie ihr wisst, bin ich weder Fan von Kirchen noch von Religionen. Deshalb schaue uns höre ich zwar kurz rein, ziehe aber bald weiter.

Die beste Überraschung hier in Oliwa, einem ländlich anmutenden Bezirk von Gdansk, ist der Schlosspark. Mit seinen Teichen, Kanälen und dicht bewachsenen Alleen hat der Park etwas Mystisches und Geheimnisvolles. Hier kann man wunderbar entspannen. Und es sind nicht nur Touristen, die hierher kommen, Einheimische sind ebenfalls anzutreffen.

Gdynia

Gdynia oder Gdingen ist mit Sicherheit die unprätentiöseste der drei Städte. Aus dem kleinen Fischerdorf entstand in den 1920er bis 1930er Jahren eine moderne Stadt. Dadurch findet man eine enorme Dichte an modernen Bauten (Modernismus und Bauhausstil) mit runden Fassaden, klaren Linien und großen Fenstern. Gdynia ist keine Schönheit, wirkt aber lebendiger als Danzigs Altstadt. In der riesigen Markthalle (Hala Targowa) kann man jene Marktatmosphäre schnuppern, die andernorts in Polen verloren gegangen ist.

An der Südmole liegen mit dem Kriegsschiff «Błyskawica» und dem Segelschulschiff «Dar Pomorza» zwei Museumsschiffe, die man für wenig Geld besichtigen kann. Bei meinem Besuch liegt noch die deutsche Alexander von Humboldt II, das Nachfolgeschiff der Alex I, die ich gerade erst im Bremen gesehen habe, im Hafen.

Sopot

Sopot ist der Urlaubsort in Polen schlechthin und gehört zu einem Besuch in Danzig einfach mit dazu.

Das Seebad mit seinen Kurhäusern und dem Grand Hotel hat eine sehr mondäne Atmosphäre. Hier ist alles ein bisschen protziger als anderswo.

Die berühmte Straße Monte Cassino soll gemäß mancher Reiseführer noble Boutiquen und Restaurants beherbergen. Dönerbuden und H&M erfüllen da meine Erwartungen nicht ganz, aber mir gefallen die alten Häuser in Pastellfarben. Besonders beliebt im polnischen Sommer sind Lody (Eis) und Gofry (Waffeln). Beides gibt es in und um Gdansk überall zu kaufen.

Und dann ist da noch die Molo, ein Holzsteg (der längste in Europa), der 500 Meter ins Meer hinausragt. Das Betreten ist leider nicht gratis, lohnt sich meiner Meinung nach aber.

In der Danziger Bucht findet man viele gut ausgebaute Radwege. Es lohnt sich, hier ein Fahrrad zu mieten und die Küste entlangzuradeln. Neben der Molo ist das krumme Häuschen, ein ziemlich schräger Bau, ein Touristenmagnet. Empfehlenswert ist auch die Wanderung zur Fischerhütte Piaskownica mit ihrem liebevoll dekorierten Gastgarten.

Danzig-Wreszcz

Auf dem Rückweg verschlägt es mich dann noch nach Wreszcz. Gleich neben dem Bahnhof mit dem unaussprechlichen Namen liegen zwei der vielen Einkaufszentren in Danzig. Die lasse ich aber links liegen und suche das Avocado, Danzigs erstes veganes Restaurant (gefunden in einer meiner liebsten Reiseapps Happy Cow). Und dabei lande ich in einer richtig coolen Gegend mit vielen Cafés, Restaurants und Bistros und einem jungen Publikum. So finde ich Danzig spannend.

Tag 3: Ausflug von Gdansk auf die Halbinsel Hel

Am ersten Juniwocheende nimmt die Reederei Zegluga die Fährverbindung nach Hel auf, vorerst nur mit einer Fahrt in jede Richtung. Die Überfahrt dauert zwei Stunden und führt zuerst durch das Werft- und Hafengelände, vorbei an der Westernplatte und dann über die Bucht bis zum kleinen Fischerort. Die fünf Stunden Aufenthalt vergehen wie im Flug. Der kleine typisch polnische Urlaubsort mit seinen Restaurants und Souvenirständen vermittelt eine lebhafte, aber dennoch gemütliche Atmosphäre.

Vom kleinen Inselleuchtturm aus hat man einen guten Blick über die ausgedehnten Kiefernwälder. Und dann gibt es auf Hel kilometerlange nahezu menschenleere Sandstrände, die zu Spaziergängen einladen. Als Meer-Mädchen fühle ich mich hier so richtig wohl. Auf Hel finde ich, was ich die beiden Tage zuvor gesucht habe: Authentizität.

Zum Abschluss des tollen Tages gibt es zurück in Danzig noch Piroggen im Mandu. Mindestens einmal muss man die polnischen Teigtaschen probiert haben. Die Variante mit Pilzen und Käse schmeckt mir sehr gut.

Hotel PURO Gdansk

Meine Nächte in Danzig verbringe ich im PURO Gdansk. Zur polnischen Hotelkette gehören auch Häuser in Krakau, Warschau, Lodz, Wroclaw oder Posen.

Das neue Hotel liegt auf der Speicherinsel und somit keine 200 Meter vom großen Markt entfernt. Die Einrichtung ist modern, das Personal sehr freundlich. Sehen lassen kann sich auch das Frühstücksbuffet. Ich schaffe es in vier Tagen nicht, mich durch das gesamte (fleischlose) Angebot zu kosten.

Besonders toll ist die Bar «Ink above» im achten Stock. Hier sitzt man in Korbsesseln und blickt aus raumhohen Fenstern auf die Marina und die Stadt. Der perfekte Platz für einen Aperitif.

Fazit

Notiz an mich selbst

Aus aktuellem Anlass muss ich eine weitere Notiz an mich (bald werden das ganze Dossiers) selbst festhalten: Du sollst keine Städte mehr besuchen, die Ziel von Kreuzfahrtsschiffen sind. In schlimmer Erinnerung ist mir da z.B. Gamla Stan in Stavanger geblieben. Bei zwei Schiffen mit etwa 4000 Passagieren, die alle gleichzeitig ins Zentrum strömen, ist kein Durchkommen mehr. Dubrovnik leidet sowohl unter dem Massenansturm von den Schiffen als auch unter den GOT-Fans. Und da Danzig auf der klassischen Ostsee-Route liegt, drängen sich zusätzlich zu den vielen Besuchern tagtäglich noch unzählige Gruppen mit Headsets und hinter einem Täfelchen hertrottend durch die Altstadt.

My journey is not your journey oder my city is not your city

Nach dreieinhalb Tagen in der Dreistadt muss ich feststellen, dass Danzig nicht «meine Stadt» ist. Krakau mit seinem alten jüdischen Viertel, das lebt und sich verändert, hat mir da wesentlich besser gefallen. Wie schon zuvor in Krakau oder Prag bin ich nicht gerade erfreut über deutsche und schwedische Männergruppen, die wegen der günstigen Preise für Bier und Alkohol in Gdansk sind.

Das heißt nicht, dass sich ein Besuch in Danzig nicht lohnt. Aber irgendwie werde ich mit der Stadt nicht «warm». Ich spüre sie nicht. So oder so ähnlich ist es mir auch schon in Madrid oder Palma ergangen. Und dann wiederum gibt es Städte, die mich von der ersten Minute an völlig in den Bann gezogen haben, wo ich sofort angekommen bin und ich mir vorstellen konnte zu bleiben. Natürlich ist das individuell, aber für mich sind das z.B. Porto, Athen, Prag (nach der Wende), Gent, Brighton, Tbilisi, Singapur (auch, wenn viele da anders denken), New York oder zuletzt León in Nicaragua.

Kann man mit gutem Gewissen nach Polen reisen?

Polen ist mit und nach der letzten Parlamentswahl ziemlich weit nach rechts gerutscht. Die Regierungspartei der PiS ist zweifelsohne mitverantwortlich für die Radikalisierung das politische Klima im Land. Das Attentat auf Danzigs Bürgermeister Adamowicz 2017 war ein Ausdruck dieser Situation. Adamowicz, der Dazing zur freien Stadt ohne Hetze gegen Ausländer und Liberale erklärt hatte und ein Zeichen für Toleranz und Mitgefühl setzen wollte, wurde Opfer des Hasses und einer Regierung, die nicht gerade zimperlich mit dem Rechtsstaat umgeht und Gewaltentrennung untergräbt.

Bei Ländern wie Polen, Italien oder auch Ungarn frage ich mich aktuell, ob man eine Reise dorthin noch vertreten kann und plane bis auf Weiteres keine Aufenthalte. Das Dilemma dabei: Unter einem Boykott leiden die Falschen. Bei meinem Besuch in Krakau (Artikel «Warum nicht Krakau? Was darf man von der Stadt (nicht) erwarten?) haben mir viele Polen ihr Leid geklagt und gebeten über die Situation aufzuklären. Weltoffene Menschen, die tagtäglich mit Besuchern aus aller Welt zu tun haben, können mit homo- oder xenophoben sowie autoritären Tendenzen zum Glück wenig anfangen.

Gdansk Kranhaus

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