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Appenzellerland: Seealpsee und Äscher, Kleinode im Alpstein

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Das Appenzellerland hat etwas sehr Beruhigendes. Die sanfte Hügellandschaft mit den typischen Appenzeller Bauernhäusern und den alten Linden erinnert mich an ein riesiges Freilichtmuseum. Eingebettet zwischen dem Bodensee im Norden und dem hoch aufragenden Säntis im Süden finden Wanderer im Appenzellerland mit dem Alpstein ein kleines Paradies vor. Dabei ist der höchste Berg, der Säntis, mit etwa 2500 Metern vergleichsweise niedrig. Dafür kann das Alpsteingebiet mit einem ungewöhnlich dichten Netz an Wanderwegen und unzähligen Berggasthäusern aufwarten. Seilbahnen führen unter anderem auf den Säntis, den Hohen Kasten, die Ebenalp oder den Kronberg.

Das Appenzellerland umfasst die beiden Halbkantone Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden. Hier geht es noch sehr traditionell zu und her und man spürt eine enorme Heimatliebe. Der Appenzeller Kräuterlikör, Appenzeller Käse und die Appenzeller Biber (Lebkuchen) sind bis weit über die Grenzen der Ostschweiz und der Schweiz hinaus bekannt.

Mein letzter Besuch im Appenzellerland liegt schon einige Jahre zurück. Zusammen mit einer Arbeitskollegin habe ich damals ihre Heimat intensiv erkundet und erwandert. Zwischenzeitlich wurde der Berggasthof Äscher Opfer seines eigenen Erfolgs und der Seealpsee zu einem hoffnungslos überlaufenen Bergsee. Jetzt, kurz nach dem Corona-Lockdown und wenn die Bergbahnen noch nicht in Betrieb sind, ist der perfekte Zeitpunkt diesen beiden Kleinoden wieder einmal einen Besuch abzustatten.

Im Appenzellerland könnte man gut und gerne eine Woche oder länger verbringen und im Alpstein wandern, ohne dass es langweilig wird. Ich erzähle dir hier von zwei sportlich-entspannten Tagen in dieser herrlichen Gegend.

Die klassische Wanderung im Alpstein: Seealpsee und Aescher

Bei all den Wandermöglichkeiten im Alpstein fällt die Auswahl schwer. Ich überlege von Brülisau auf den Hohen Kasten zu wandern oder die Drei-Seen-Wanderung im Alpstein in Angriff zu nehmen. Letztendlich entscheide ich mich für die Tour zum Aescher via Seealpsee. Diese Wanderung ist natürlich alles andere als ein Geheimtipp. Das ist bei dieser schönen Gegend gar nicht möglich.

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Ich war seit etwa 15 Jahren nicht mehr am Seealpsee, im Aescher und auf der Ebenalp. Der riesige Ansturm von Besuchern hat mich zuletzt davon abgehalten. Jetzt im Mai 2020 sind aufgrund der Corona-Krise keine ausländischen Touristen in der Schweiz unterwegs. Außerdem ist die Seilbahn auf die Ebenalp vorübergehend geschlossen. Anstelle des 15-minütigen Spaziergangs von der Bergstation zum Wildkirchli und zum Aescher muss man jetzt einen etwa zweistündigen, zum Teil sehr steilen Aufstieg, in Kauf nehmen. Es ist also damit zu rechnen, dass sich gerade an einem Wochentag die Anzahl der Wanderer in Grenzen hält.

Von Wasserauen zum Seealpsee

Mit dem Zug mache ich mich am frühen Morgen auf durchs Appenzellerland von Weissbad nach Wasserauen. Zwar sind bereits einige Wanderer unterwegs, aber es ist kein Vergleich zu den vergangenen Wochenenden, an denen der Alpstein hoffnungslos überlaufen war. Mein erstes Ziel ist der Seealpsee auf 1143 Metern. Dafür wähle ich den etwas längeren Weg über die südöstliche Talseite (Hüttentobel). Dieser führt durch den Wald und über Almwiesen, was wesentlich schöner ist, als über die asphaltierte Straße zum See zu wandern. Von hier aus sieht man auf der rechten Seite auch bereits den Berggasthof Aescher, der hoch oben in der Felswand klebt.

Sobald man nach dem steilen Aufstieg durch den Wald die Höhe erreicht hat, offenbart sich einem der unvergleichliche Blick über den See hin zum höchsten Berg im Alpstein, den Säntis. Diese Aussicht wird auf den Etiketten des Appenzeller Biers «Quöllfrisch» dargestellt. Jetzt im Frühjahr erwartet mich zusätzlich eine unvergleichliche Blütenpracht. Die spiegelglatte Oberfläche des Sees verschlägt mir fast die Sprache. Und so brauche ich für den kurzen Spaziergang rund um («rond-omm») den See fast länger als für den Aufstieg dorthin. Ich kann mich nicht sattsehen und zücke immer wieder meine Kamera.

Die Almen und Käsereien sind noch geschlossen, eines der beiden Berggasthäuser, das Gasthaus Seealpsee, ist aber bereits geöffnet. Nach einer kurzen Pause dort geht es für mich weiter hinauf zum Wildkirchli.

Vom Seealpsee zum Aescher

Vom wohl schönsten Bergsee im Alpstein gelangt man über einen steilen Weg hinauf zum berühmten Berggasthof Aescher. Dafür nimmst du die Abzweigung kurz nach dem Restaurant Forelle und wanderst zuerst über Alpweiden und dann durch den Wald. Die Wanderzeit ist großzügig angegeben, mit normaler Kondition schafft man den Aufstieg in etwa einer Stunde. Viel gibt es zu diesem Weg nicht zu berichten, außer dass dieser Abschnitt ziemlich anstrengend ist. Oben angekommen offenbart sich nochmals eine wunderbare Aussicht auf den Alpstein.

Von dieser Seite kommend, landet man direkt auf der Terrasse des Aescher. Für die berühmte Foto-Ansicht geht man noch ein paar Schritte weiter der Felswand entlang über die hölzerne Galerie Richtung Wildkirchli-Höhlen. Diese prähistorische Höhlenkapelle ist sehr eindrücklich. Durch die Höhle würde man zur Bergstation der Ebenalp-Bahnen gelangen. Ich selbst wandere über Bommen direkt hinunter nach Weissbad.

Bergrestaurant Aescher und Wildkirchli

Den Aescher gibt es seit mehr als 200 Jahren, erst als Alphütte, später als Berggasthaus. Immer schon war es ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen. So habe ich den Aescher auch bei meinem letzten Besuch erlebt.

2015 begann dann eine fragwürdige Erfolgsgeschichte. Plötzlich tauchte der Aescher in den «Places to see before you die» auf und wurde von der Huffington Post als interessantestes Restaurant der Welt betitelt. Blogger, Influencer und Schauspieler trugen ihr Übriges zum Run auf den Aescher bei. Als dann am 27. Oktober das Magazin National Geographic dem Aescher die Frontseite mit dem Titel «Places of a Lifetime» widmet und 2016 Roger Federer zu Besuch kommt, entwickelt sich der Aescher zu einem absoluten Touristenhotspot und beliebten Fotomotiv.

Seither strömen Besucher aus aller Welt auf die Ebenalp und zum Berggasthof Aescher, der sich unter einem steilen Felsabsturz eng an den Felsc schmiegt. Schließlich ist der Aescher mit der Luftseilbahn Ebenalp und nach einem kurzen 15-minütigen Fußmarsch durch die Wildkirchlihöhle für fast jedermann erreichbar. Der Anstrum ist so riesig, dass die langjährige Pächterfamilie nach mehr als 30 Jahren das Handtuch wirft. Die Infrastruktur ist der ständig zunehmenden Gästezahl nicht mehr gewachsen. Nach einem Umbau und einer sanften Sanierung gibt es neue Pächter im Bergrestaurant Aescher. Die Tatsache, dass die berühmten Rösti von der Karte verschwunden waren und die Hotelzimmer nicht vermietet werden, führt allerdings immer wieder zu Kritik.

Ich erlebe an einem Dienstag im Mai 2020 die Terrasse des Aescher mit weniger als 50 Personen – ein absolutes Unikum.

Sehenswertes in Appenzell

Bei einem Aufenthalt im Appenzellerland darf ein Besuch im Dorf Appenzell natürlich nicht fehlen. «Appezöll» wie es von den Einheimischen genannt wird, ist der Hauptort des Kantons Appenzell Innerrhoden und liegt am Fuße des Alpsteins. Der Ort ist alles andere als groß, sodass man sich bei einem Dorfrundgang viel Zeit nehmen kann. Das Ortsbild ist geprägt von bunt bemalten Holzhäusern, teilweise mit geschweiften Giebeln und den typischen «Tafeen», den Aushängeschildern für Gasthäuser und andere Geschäfte. Hauptgasse und Landsgemeindeplatz sind besonders sehenswert.

Womit man als Besucher vorerst vielleicht nicht rechnet: Der Ort hat viel Kunst zu bieten. Der Appenzeller Künstler Roman Signer prägt mit seinen Installationen, dem Tisch in Schieflage am Ufer der Sitter oder der Drehscheibe in der Hauptgasse das Dorfbild. Drei lange Minuten dauert eine Umdrehung, eine besondere Raumerfahrung, die dem Betrachter ihr Tempo aufzwingt. Ein Blick in die Museen lohnt sich ebenfalls: Kunstmuseum mit wechselnden Ausstellungen, das kulturhistorisches Museum Appenzell oder die Kunsthalle Ziegelhütte. Für einen Abstecher ins Dorf bleibt auch nach einer Wanderung noch ausreichend Zeit.

Übernachten in Weissbad

So schön das Dorf Appenzell auch ist, habe ich mich diesmal in Weissbad einquartiert. In dem kleinen Ort liegt mit dem Hof Weissbad ein bekanntes Hotel und eine Kur- und Rehabilitationsklinik. Ein besonderes Highlight zu Nicht-Corona-Zeiten ist sicherlich das Restaurant Flickflauder mit 16 Gault-Millau-Punkten. Weil Saunabereich sowie Innen- und Außenbad wegen der Covid-19-Bestimmungen noch nicht öffnen dürfen, entscheide ich mich für die kostengünstigere Variante in der Weissbadlodge, die ebenfalls zum Hof Weissbad gehört. Das bedeutet, dass man auch die Angebote des Haupthauses in Anspruch nehmen kann.

Das Konzept gefällt mir, die Zimmer sind groß und modern. Das Frühstück wird in Form einer Frühstückstasche, die um 07:15 Uhr vor der Zimmertüre steht, offeriert. Dafür füllt man am Vorabend eine Bestellung aus. Kaffee und Tee gibt es am Morgen kostenlos in der Lounge. Die Idee finde ich grundsätzlich nicht schlecht, an Details muss aber noch gearbeitet werden. Da ich morgens viel Kaffee trinke, ist es nicht besonders lustig, jede Tasse extra unten zu holen zu müssen.

Der Inhalt der Frühstückstasche ist recht lieblos. Die Auswahl ist sehr eingeschränkt. So kann man bei den verschiedenen Posten immer nur zwischen zwei Alternativen wählen: Lyoner oder Salami, Weich- oder Hartkäse, hart gekochtes Ei oder Cocktailtomaten, Joghurt oder Banane, Apfel oder Riegel usw. Vegetarier bleiben auf der Strecke und werden im Vergleich zu 90 g Wurst in Blisterverpackungen mit 30 g Käse abgespeist. Ein Konzept wie in den Nachtzügen der ÖBB, wo man aus einer Liste eine bestimmte Anzahl Produkte gratis und andere gegen Aufpreis wählen kann, wäre da wesentlich sinnvoller.

Kulinarisches aus dem Appenzellerland

Vermutlich kennst du auch die Appenzeller-Käse-Werbung. Die ist schließlich legendär. Das Geheimrezept wird zwar nicht bekannt gegeben, kaufen kann man den Käse aber direkt im Shop in der Poststraße 12. In der Appenzeller Schaukäserei in Stein erfährst du mehr über die Herstellung. Bierliebhaber können im Besucherzentrum Brauquöll der Brauerei Locher vorbeischauen. Noch hochprozentiger wird es beim Appenzeller Alpenbitter in der Weissbadstrasse.

Kräuter spielen noch in einem anderen Betrieb eine große Rolle. Im Kräutergarten der Firma A.Vogel in Teufen wachsen etwa 120 verschiedene Heil- und Küchenkräuter. Der Erlebnisgarten ist umgeben vom Panorama des Alpsteins und liegt mitten in den Hügeln des Appenzellerlandes. Besonders gute Biber mit dem Relief geschnitzter Holzmodeln und andere süße Spezialitäten aus der Region bekommst du bei der Bäckerei und Konditorei Böhli.

Mit dem Mountainbike quer durchs Appenzellerland

Die Gegend eignet sich nicht nur bestens zum Wandern, sondern auch zum Radfahren oder Mountainbiken. Der Alpstein und die Appenzeller Hügellandschaft sind das perfekte Revier. Appenzellerland Tourismus hat sogar eine Mountainbike-Karte mit Tourenvorschlägen herausgegeben. Für Genussradlerinnen und -radler eignet sich die Veloroute 222. Diese ist für E-Bikes ausgelegt und du kannst dabei die Appenzeller Gastfreundschaft und feine Spezialitäten genießen, indem du von Ort zu Ort und gleichzeitig von Gang zu Gang in einem anderen Gasthaus fährst. Das erinnert mich an Gourmet Bike im Obergoms.

Ich miete diesmal im Hof Weissbad ein E-Mountainbike und starte auf der Route 8 in Richtung Schwägalp, Rossfall und Urnäsch. In Urnäsch wechsle ich auf die Route 3 und erklimme die Hundwiler Höchi. Zurück geht es über Hundwil, Stein, Schlatt und Eggerstanden. So mache ich eine ausgiebige Rundfahrt und kann die Landschaft in aller Ruhe bewundern. An manchen Orten erscheint mir das Appenzellerland niedlich wie auf den Gemälden von Albert Manser, andernorts wirkt es eher trostlos und bedrückend. Unterwegs in den beiden Kantonen macht man auf alle Fälle eine Zeitreise. In Urnäsch entdecke ich etliche Schulkinder, die tatsächlich noch barfuß von der Schule nach Hause laufen.

Nach meiner Übernachtung am Walensee und den zwei Tagen im Appenzellerland mache ich mich auf den Weg zum Bodensee.

Appenzellerland: Bergrestaurant Aescher an der Felswand
Appenzellerland: Seealpsee und Äscher, Kleinode im Alpstein 2

6 Gedanken zu „Appenzellerland: Seealpsee und Äscher, Kleinode im Alpstein“

  1. Was für eine tolle Wanderung. Wir sind im Spätsommer auch in der Schweiz unterwegs und ich habe gesehen, dass wir auf dem Rückweg nach München quasi fast hier vorbeifahren. Die Wanderung ist also ab sofort fest eingeplant!

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    • Die Wanderung lohnt sich sehr. Achtet einfach darauf, dass ihr nicht an einem Wochenende unterwegs seid, da wird es im Alpstein richtig voll. Vielleicht magst du dann ja noch einen Link hinterlassen, falls du darüber berichtest.

      Herzliche Grüße aus der Schweiz (zurzeit im Wallis)
      Carola

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  2. Schon deine Fotos sehen total beruhigend aus. Ich kannte das Appenzellerland gar nicht, also gehört hab ich es natürlich schon, aber ich habe mich nie damit beschäftigt. Deine Fotos sehen wundervoll aus und ich bekomme gleich Berglust!

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    • Ich danke dir, liebe Miriam. Als Nicht-Schweizer/in das Appenzellerland nicht zu kennen, ist keine Schande. Es zu entdecken, kann sich aber lohnen. Liebe Grüße Carola

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  3. Seufz, da wäre ich eigtl. Anfang Juni jetzt gewesen und hätte mit einem guten Freund das Appenzellerland erkundet. Er wohnt dort seit ein paar Jahren und hatte schon ne tolle Sammlung an Zielen zusammengestellt. Schön und gleichzeitig auch wehmütig zu sehen und zu lesen, was ich verpasst habe 🙂

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    • Das tut mir Leid, lieber Andreas. Aber auch hier gilt: Es lässt sich alles nachholen. So wie ich im März 2021 auf die Lofoten reisen werde, wirst du irgendwann deinen Freund im Appenzellerland besuchen. Das Gute daran ist, dass das Appenzell sich nicht so schnell verändert.

      Herzliche Grüße
      Carola

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