Songköl – Nomadenleben in der Jurte auf dem Jailoo

Aktivreisen

Auf einer Höhe von 3000 m, eingebettet in eine karge Gebirgslandschaft und saftige Weiden, liegt der zweitgrößte See Kirgisistans, der Songköl.

Viele Halbnomaden verbringen hier auf dem Jailoo, der Hochalm, den Sommer in ihren Jurten, umgeben von Schafen, Rindern, Yaks und Pferden. «Der Jailoo ist märchenhaft und paradiesisch. Blumen und Gräser der Alpen und Hochgebirge sprießen und blühen fantastisch. Helle und klare Bäche und Flüsse strömen von den Gletschern herab. Allerlei Getier und Vögel tummeln sich reichlich in den Bergwäldern. Es gibt Brennholz in Hülle und Fülle. Dieser Flecken Erde schenkt den Menschen die besten Tage des Lebens.» So beschreibt der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow in seinem Buch «Kindheit in Kirgisien» dieses wunderschöne Fleckchen Erde.

Anreise zum Songköl

Der Hin- und Rückweg damals, wenn ganze Familien aus den Gebieten Naryn und Kochkor mit Kind und Kegel, Sack und Pack und ihren Jurten unterwegs waren, muss beschwerlich und gefährlich gewesen sein. Auch heute über die holprige Piste, mit vielen schalen Stellen und unzähligen Serpentinen ist die Anfahrt keineswegs ein Zuckerschlecken. Für die etwa 180 km lange Strecke von Kochkor muss man etwa vier Stunden einkalkulieren. Ab Bischkek dauert die Fahrt bis zu fünf Stunden. Den Fahrern wird je nach Gegenverkehr einiges an Geschick abverlangt. Am 3.065 m hohen Kalmak-Ashuu-Pass kann selbst im Hochsommer Schnee liegen. Bei guter Sicht erblickt man hier erstmals den Song Köl Lake.

Die ganze Schönheit offenbart sich erst auf dem Weg hinunter in die Hochebene: das Blau des Sees, die daran anschließenden grünen Wiesen und die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Dazwischen liegen wie hingestreut die verschiedenen Jurtensiedlungen. Ein wenig erinnern sie an Champignons, die aus dem Boden sprießen. Die Schatten der Wolken geben dem See von einer Minute auf die andere ein neues Aussehen und je nach Wetterlage ändert sich die Farbe der Oberfläche des Sees. Das Wetter hier kann sehr schnell umschlagen. Sonne, Regen, Schnee, Sturm, Hagel … all das ist binnen weniger Stunden möglich. Vier Jahreszeiten innerhalb eines Tages sind nichts Ungewöhnliches.

Im Jurtencamp am Songköl
Ausstattung

Noch sind es wenige Individualreisende oder kleinere Gruppen, die Zeit am Ufer des Songköl verbringen. Einige Nomadenfamilien führen sogenannte Jurtenhotels. Neben der Schlaf- und Kochjurte der Familie gibt es ein Esszelt und mehrere Jurten für die Gäste. Unser Jurtencamp liegt am Südufer des Songköl und hat vier Zweier- und eine Viererjurte. Mit Ausnahme der Essjurte, die ja mit Schuhen betreten wird, sind die Zelte mit Shyrdaks, den traditionellen Filzteppichen, ausgelegt. Auf einer schön bemalten Holztruhe stapeln sich viele warme Decken. Diese Decken und der kleine Ofen nahe des Eingangs sind auch dringend nötig. Während unseres Aufenthalts im Camp wird es nachts mit Temperaturen unter 0 Grad bitterkalt.

Entsprechend ist der Andrang bei der eigens für die Touristen installierten Kaltwasserdusche nicht allzu groß. Ansonsten bestehen die sanitären Einrichtungen aus zwei Plumpsklos und einem Wasserklosett. Wer am Songköl übernachten will, muss bereit sein, auf Luxus zu verzichten. Auch Handyempfang ist hier oben Fehlanzeige. Irgendwo in der Nähe gibt es wohl einen Ort, wo ein schwaches Signal zu empfangen ist. Immer wieder sieht man Wanderer, die dafür einen längeren Anstieg in Kauf nehmen.

Verpflegung

Das Essen ist einfach, aber sehr liebevoll zubereitet. Mittags und abends wird Suppe mit ein wenig gepökeltem darin Lamm serviert. Dazu gibt es Brot und ein leichtes Gemüse- oder Reisgericht. Das Frühstück besteht entweder aus Buchweizenpfannkuchen, einem Ei oder Milchreis und Ayran. Dafür wurde die Milch am Abend zuvor direkt auf der Weide hinter der Jurte gemolken. Die üblichen Süßigkeiten am Tisch dürfen nie fehlen.

Zum Trinken gibt es Chai, alles andere muss man selbst mitbringen. Abends kann man noch ein wenig gemütlich zusammensitzen, in der Regel geht man aber früh ins Bett. Auf Wunsch werden die kleinen Öfen in den Jurten noch mit etwas Kuh- oder Schafdung beheizt. So ist es zumindest einigermaßen warm, wenn man in seinen Schlafsack schlüpft. Der Tag im Jurtencamp beginnt zwischen sieben und acht Uhr. Nachts kann es aber durchaus sein, dass man von grasenden Kühe oder schnaubenden Pferden in der Nähe der Jurte wach wird. Hier oben hört man die Stimmen der Natur.

Gastfreundschaft

Obwohl die Verständigung nicht immer ganz einfach ist, spürt man die ehrliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Nomadenfamilie. Stets im Hintergrund und ganz unaufdringlich ist man um das Wohl der Gäste bemüht. Das reicht von der ungeteilten Aufmerksamkeit beim Servieren der Mahlzeiten bis hin zum Stück Kuchen, das man uns anlässlich des dritten Geburtstages eines der Mädchen anbietet. Zumindest können wir uns mit einem Geburtstagsständchen und einigen Gastgeschenken für die Kinder revanchieren.

Was unternehmen am Songköl?
Spaziergänge und Wandern

In der endlosen Weite verliert man schnell das Gefühl für Distanzen. Obwohl man den Eindruck hat, dass das Camp direkt am See liegt, ist der Weg dorthin sehr, sehr weit. Auf den Spaziergängen bekommt man einen Einblick ins Alltagsleben der Hirten und sieht immer wieder Viehherden und die dazugehörigen Cowboys. Überall rund um den See werden zu bestimmten Zeiten die Fohlen vor der Jurte angebunden. Dann müssen sie auf Milch verzichten oder sie teilen. Kumys, die vergorene Stutenmilch, wird überall hergestellt und angeboten. Die Wiesen sind übersät mit Edelweiß. Noch nie zuvor habe ich die im Alpenraum so seltenen Blumen in einem solchen Überfluss gesehen.

Direkt neben unserem Camp befinden sich mehrere Steinkreise und Petroglyphen. Auf dem Nachmittagsspaziergang dorthin werden wir von einem heftigen Regenschauer überrascht. Aber zum Glück ist man ja für alle Wetterlagen gerüstet.

Auch längere Wanderungen sind möglich. Wo sonst kann man innerhalb weniger Stunden mehrere 3000er erklimmen? Auf dem Weg zu den Gipfeln, immer begleitet von einer wunderbaren Aussicht über den See und in die schneebedeckten Berge, findet man immer wieder wunderschöne Petroglyphen.

Baden und Reiten

Kaum zu glauben, aber am Songköl gibt es auch so etwas wie einen Strand. Dabei handelt es sich zwar nicht um einen Sandstrand, sondern um Kies und Steine. Wer hart im Nehmen ist, kann bei durchschnittlich 12 Grad Wasser- und etwa 15 Grad Lufttemperatur im Sommer durchaus ein Bad in dem kristallklaren Bergsee wagen.

Die Nomadenfamilien organisieren gerne auch Reittouren, oder besser gesagt Pferde. Denn anders als erwartet, kommt niemand mit. Einzig zwischen drei und fünf Hunde begleiten uns, als wir über die Hochebene reiten. Die kirgisischen Pferde bringen mich mit ihrer Trittsicherheit und vor allem mit ihrer Zutraulichkeit zum Staunen. Da gibt es kein nervöses Tänzeln, Ausbrechen oder ungestümes Verhalten. Ich habe den Eindruck, dass ich mich voll und ganz auf mein Pferd verlassen kann. Nicht umsonst sieht man überall Kinder, die bereits im zarten Alter in den Sattel gesetzt werden und sich wie selbstverständlich so fortbewegen. «Pferde sind die Flügel des Menschen» lautet schließlich auch ein Sprichwort in Kirgistan.

Das ist aber lange noch nicht alles, was man rund um den Songköl in Kirgistan erleben kann. Am Ostufer sind noch Grabhügel und Skythengräber zu besichtigen. Und mit etwas Glück trifft man auf Yakherden.

Die Saison ist kurz am Songköl. Die klimatischen Bedingungen lassen einen Aufenthalt nur von Juni bis September oder Anfang Oktober zu. Danach ziehen die Halbnomaden wiederum in tiefer gelegene Regionen von Kirgisistan. Für Reisende bleibt die Zeit am Songköl ein unvergessliches Erlebnis, trotz Wetterkapriolen, sonstiger Widrigkeiten, Komfortverzicht und allfälligen gesundheitlichen Problemen. Beim letzten Blick zurück hoffe ich, dass dies noch lange so bleibt, die Jurtencamps nicht wesentlich mehr oder gar durch stationäre Unterkünfte für Touristen abgelöst werden.

Nomadenleben in der Jurte

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