Warum ich Neapel mag und viele Vorurteile unbegründet sind

Kurzreisen

Neapel, kaum einer anderen Stadt und ihren Einwohnern wird mit so vielen Vorurteilen begegnet. Jeder kennt die Klischees von stinkenden Müllbergen, Mafia, Kriminalität und Verkehrschaos. Als ich abends am Flughafen ankomme und mit dem Alibus über den Hauptbahnhof zum Hafen fahre, wird mir schnell klar, warum Neapel so polarisiert. Auf den ersten Blick ist Neapel tatsächlich dreckiger, lauter, chaotischer, ärmer und düsterer als andere (italienische) Städte.

Dabei ist Neapel geheimnisvoll, vielschichtig, bunt, überraschend und widersprüchlich, eine Welt für sich, deren Schönheit sich nicht sofort offenbart. Nach knapp vier Tagen in der Stadt kann ich sagen, dass Neapel für mich zu den interessantesten europäischen Städten gehört. Neapel konnte sich bisher viel von seiner Originalität erhalten und ist (noch) nicht in den Fängen des Massentourismus. Das Zentrum ist ursprünglich, die in anderen Städten übliche Gentrifizierung hat bisher nicht stattgefunden.

Was unternehmen in Neapel?
Centro Storico

Die Altstadt, das Centro Storico, ist UNESCO-Weltkulturerbe. Hier bewegt man sich am besten zu Fuß fort und folgt den Straßenzügen, die die Griechen im alten Neapolis angelegt haben. Drei Decumani verlaufen von Ost nach West. Die Spaccanapoli («Spaltet Neapel») teilt die Stadt von oben gesehen wie eine dunkle Linie in zwei Teilen. Dabei handelt es sich um die Straßenzüge Via P. Scura, Via Maddaloni, Via B. Croce, Via S. Biagio dei Librai und Via Vicaria Vecchia. der nördliche Decumanus ist die heutige Via dei Tribunali. Dazwischen liegen sogenannten Carines, die von Nord nach Süd verlaufen. Hier pulsiert das Leben und alle paar Meter kann man eine mehr oder weniger bekannte Kirche besuchen. Eine der bekanntesten Gassen ist die Via San Gregorio Armeno, die Krippenstraße, wo Kunsthandwerker Weihnachtskrippen herstellen und verkaufen.

Zwischen Via Toledo, der Haupteinkaufsstraße Neapels (Einheimische nennen sie Via Roma) und dem Stadthügel Vomero liegen die Quartieri Spagnoli (früher wohnten hier die Soldaten der spanischen Vizekönige). Hier sind die Straßen zwischen den mehrstöckigen Häusern äußerst schmal. Unweigerlich blickt man in die sogenannten Bassi, die Erdgeschosswohnungen, die einfach mit einer Tür von der Straße abgetrennt sind. Überall vor den Häusern hängt frisch gewaschene Wäsche und Plastikeimer dienen als kleine Lastenaufzüge.

In den Untergrund

Unter diesen lebhaften Gassen erstreckt sich eine Stadt unter der Stadt, Gänge mit Höhlen ziehen sich durch den Untergrund. Es gibt mehrere Veranstalter, mit denen man dieses Labyrinth erkunden kann. Die Tour Napoli Sotterranea gibt einen eindrücklichen Überblick über deren Nutzung. Unter den Griechen diente der Tuffstein als Baumaterial, die Römer nutzten die unterirdischen Kammern als Zysternen und im zweiten Weltkrieg suchte die Bevölkerung hier oft wochenlang Schutz vor den Bombardierungen.

Eine andere Möglichkeit den Untergrund kennenzulernen und gleichzeitig eine schnelle Art der Fortbewegung ist die U-Bahn. Die U-Bahn in Neapel ist erstaunlich sauber und gehört zu den schönsten in Europa. Viele Stationen der «Metrò dell’Arte» sind Gesamtkunstwerke und wirklich sehenswert.

Aussicht genießen: Vomero und Posillipo

Der wohl bekannteste Aussichtspunkt Neapels sind das Castello Sant’Elmo und das darunter liegende Nationalmuseum von San Martino. Von der begehbaren Burgmauer eröffnet sich ein fantastischer Blick über die Stadt bis hin zum Vesuv und den vorgelagerten Inseln im Golf von Neapel. Sportliche erklimmen den Burghügel zu Fuß, es gibt aber auch drei Funiculare, die das Zentrum mit dem Vomero verbinden.

Ein anderer Blick eröffnet sich einem in Posillipo. In diesem exklusiven Stadtteil liegen viele edle Villen. Am Capo Posilipo, dem äußersten Punkt von Neapel, hat man vom Park Virgiliano eine wahrlich pittoreske Aussicht auf die Stadt.

Shopping in der Via Toledo (Via Roma) und in Chiaia

Die 1,2 Kilometer lange Fußgängerzone mit unzähligen Geschäften und Cafés lädt zum Flanieren ein. Hier findet man die gängigen italienischen und internationalen Modeketten, aber auch kleinere Boutiquen. Wesentlich exklusiver geht es in der Via Chiaia zu, hier sind Designerlabels und Kunsthändler angesiedelt.

Sightseeing: Paläste, Prachtbauten und Castelli

Die Einkaufspassage Galleria Umberto I am Ende der Via Toledo wurde nach dem Vorbild der Galleria Vittorio Emmanuele II in Mailand erbaut. Sie ist mindestens so schön, kann aber weder mit deren Exklusivität noch ihrer Beliebtheit mithalten. Wären da nicht eine große spanische Modekette und ein beliebtes Fast-Food-Restaurant, die Galleria Umberto wäre ziemlich verlassen. Gleich gegenüber befindet sich das berühmte Opernhaus Teatro San Carlo. Auch die Piazza del Plebiscito, der größte und bekannteste Platz der Stadt, der Palazzo Reale sowie das Castello Nuovo und das Castello dell’Ovo sind nicht weit.

Eat (Pray, Love)

Eigentlich hat man schon immer gewusst, dass man in Italien und insbesondere in Neapel hervorragend essen kann. Seit dem Film «Eat Pray Love» mit Julia Roberts ist die beste Pizza Margherita in aller Munde und «Da Michele» von Touristen überlaufen. So wie vor der Pizzeria Gino Sorbillo bilden sich auch hier lange Schlangen vor dem Lokal. Dabei werden hier nur zwei verschiedene Sorten angeboten, die Margherita und die Marinara. Für eine echte Pizza Napoletana gibt es schließlich genaue Vorgaben. Und so köstlich wie sie ist, braucht sie auch keinen unnötigen Belag.

Andere Köstlichkeiten probiere ich im Rahmen der Best of Naples Foodtour.

So wie Pizza und Pasta gehören auch Kaffee und Sfogliatelle untrennbar zu Neapel Übrigens gibt es in Neapel einen schönen Brauch: Man bezahlt in der Bar zwei Caffè, trinkt aber nur einen. Der zweite, der soganannte Caffè sospeso, geht an jemanden, der sich keinen Kaffee leisten kann.

In der Umgebung von Neapel

Für viele Besucher ist Neapel leider nur Zwischenstation auf dem Weg zur Amalfiküste oder Sprungbrett auf eine der Inseln im Golf. Von der Molo Beverello aus fahren fast stündlich Schnellfähren nach Procida, Ischia oder Capri.

Sorrent und die Amalfiküste sind in einem Tagesausflug mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder organisierten Touren ebenfalls zu erreichen.

Ich entscheide mich aufgrund der knappen mir zur Verfügung stehenden Zeit für Procida, Capri und die Amalfiküste und verzichte sowohl auf die BesichtigungPompejis als auch auf die Besteigung des Vesuvs.

Wie ist das nun mit dem Dreck und der Sicherheit?

Mittlerweile ist die Mülltrennung in Neapel angekommen und die Bilder der stinkenden Müllberge gehören zum Glück der Vergangenheit an. Neapel ist sicherlich nicht die sauberste Großstadt, aber das ist z.B. New York ja auch nicht.

Ich habe mich zu keiner Zeit in der Stadt unsicher oder unwohl gefühlt. Selbstverständlich laufe ich nachts nicht alleine durch abgelegene und menschenleere Altstadtgassen. Mein B&B liegt in einer sicheren Gegend, unweit des Hafens und nur ein paar hundert Meter von der Metrostation Toledo entfernt. So sind auch alle Punkte im Zentrum schnell und bequem zu erreichen.

Die positivste Überraschung in Neapel sind seine Bewohner. Ich treffe überall auf ehrliche Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. In der Unterkunft werde ich von der ersten bis zu letzten Minute verwöhnt. Das beginnt damit, dass ich abends vor der Türe erwartet werde, geht über den Cappuccino, den ich bekomme, obwohl ich vor Frühstückszeit das Haus verlasse, bis hin zur Beantwortung all meiner Fragen. Als mein per Internet vorbestelltest Fährticket nicht rechtzeitig vor Abfahrt gedruckt werden kann, kümmern sich alle rührend um mich. Ich erhalte das Ticket später vom Kapitän auf der Brücke, der es mir per WhatsApp weiterleitet.

Natürlich komme ich fast ausschließlich mit Personen in Kontakt, die in irgendeiner Form auch mit Touristen zu tun haben. Aber es tut mir weh zu hören, als Federica (unser Guide auf der Foodtour) erzählt, wie stark und unverhohlen Neapolitaner und Süditaliener innerhalb Italiens diskriminiert werden.

 Warum ich Neapel mag

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