Kirgisistan: fünf Gründe für eine Reise in dieses faszinierende Land

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Als Reiseland ist Kirgisistan (auch Kirgistan oder Kirgisien, kirgisisch Кыргызстан Kyrgyzstan bzw. die Kirgisische Republik) kaum bekannt. Bei einer Fläche von 200.000 km² (fünfmal so groß wie die Schweiz) und ca. 5,5 Millionen Einwohnern zählt Kirgisistan zurzeit etwa 400.000 Touristen pro Jahr.

Durch Bilder auf Instagram und einen Bericht auf Reiseinspiration bin ich auf das Land aufmerksam geworden. Bislang ist Kirgisistan touristisch kaum erschlossen und die entsprechende Infrastruktur ist nur teilweise vorhanden. Dafür hat Kirgisistan abseits der ausgetretenen Touristenpfade aber jede Menge zu bieten. Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, das Land hier als Geheimtipp zu empfehlen. Denn wie sagte schon Hans Magnus Enzensberger: «Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet …»

Wer eine Reise nach Kirgisien plant, muss bereit sein, auf einen gewissen Komfort zu verzichten und darf keinen westlichen Standard erwarten. Belohnt wird man mit unberührter Natur und freundlichen, aufgeschlossenen Kirgisen. Hier sind meine fünf Gründe, warum man Kirgistan jetzt bereisen sollte.

1.  Wander- und Wunderland Kirgisistan

Die «Schneeberge» sind in Kirgisistan allgegenwärtig. So hat alleine der Tien Shan unzählige Gipfel über 5.000 oder sogar 6.000 Metern. 94 % der Landesfläche sind gebirgig und im Durchschnitt liegt Kirgistan auf mehr als 2.500 Metern Höhe. Somit bieten sich quasi unbegrenzte Wandermöglichkeiten, vom gemütlichen Streifzug bis hin zum mehrtägigen Hochgebirgstrekking. Und auch wenn Kirgisen eigentlich nicht gehen, sondern reiten, lohnt es sich Kirgisistan zu erwandern.

In vielen Tälern, wie z.B. der Alamedin Schlucht bei Bischkek oder der Tamga Schlucht bei Karakol, können wunderschöne und abwechslungsreiche Touren unternommen werden. Zeitweise könnte man meinen, man sei in der Schweiz, ähneln sich doch Landschaft, Flora und Fauna. Man sieht Tannenwälder, rauschende und glasklare Gebirgsbäche, Enzian und Edelweiß, Murmeltiere und Steinböcke und immer wieder schneebedeckte Berggipfel und Gletscher.

Einzigartig sind die größeren und kleineren Bergseen mit ihrem türkisfarbenen Wasser. Ich selbst war am Kel-Tor-See und natürlich am Songköl. Der 278 km² große Gebirgssee ist 29 Kilometer lang, 18 Kilometer breit und liegt auf einem Hochplateau, 3.000 Meter über dem Meer. Im Sommer weiden hier die Pferde, Kühe, Yaks und Schafe der Nomaden.

Etwas anders präsentiert sich die Landschaft in den Canyons und Tälern mit roten Sandsteinformationen wie dem Skazka-Canyon, Jety-Ögüz und die Schlucht von Komorchek. Hier wähnt man sich fast in Arizona.

2. Issyk-Kul, das kirgisische Meer

Der Issyk-Kul oder Yssykköl ist ein See der Superlative. Nach dem Titicacasee ist er der zweitgrößte Gebirgssee der Erde und hat aufgrund seiner Tiefe ein enormes Volumen. Der Issyk-Kul liegt 1.600 Meter über dem Meer, trotzdem kann man aufgrund der warmen Quellen am Seegrund bei angenehmen Temperaturen darin baden. Außerdem ist der See leicht salzhaltig. Wären da nicht die schneebedeckten Berge im Hintergrund, könnte man meinen, man sei am Meer.

In den Sommermonaten zwischen Juni und September verschlägt es viele vor allem kasachische, russische, aber auch kirgisische Besucher in den Badeort Cholpon-Ata an der Nordküste. In den Urlaubsresorts herrscht Ferienstimmung wie am Mittelmeer oder in der Karibik, Sandstrand und Unterhaltung inklusive. Das Südufer des Sees ist weniger touristisch, aber nicht minder schön. Die Frauen tragen hier Bikinis und Badeanzüge im Animal-Print und vorzugsweise breitkrempige Sonnenhüte. Die Bademode der Männer ist etwas weniger elegant.

3. Außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten

Die meisten werden ihre Reise durch Kirgisistan wohl in der Hauptstadt Bischkek beginnen. Die Stadt ist geprägt von den kommunistischen Bauwerken der Sowjetzeit. Der Glanz vergangener Tage ist jedoch längst vorüber und da das Geld für die nötigen Renovierungen fehlt, verfällt vieles einfach. Aufgrund der kurzen Geschichte (Gründung 1878) gibt es keine historischen Gebäude und wenig «echte» Sehenswürdigkeiten in Bischkek. Auf einem Spaziergang durch die Innenstadt kommt man am Ala-Too-Platz, Oper und Ballett-Theater, dem Victory Square, der Manas-Statue, dem Eichenpark oder am Einkaufszentrum TsUM vorbei.

Karakol hat da schon etwas mehr zu bieten. Das Przhevalsky-Museum ist dem bedeutenden Geographen und Wissenschaftler Nikolay Mikhailovich Przhevaslky gewidmet. Die kleine Sammlung gibt Einblick in sein Leben und seine Entdeckungen. Die Dunganische Moschee wurde 1910 von den Dunganen, chinesischen Muslimen, errichtet. Sie besteht komplett aus Holz, ist sehr farbenfroh und erinnert mehr an einen Tempel denn an eine Moschee. Fast noch eindrücklicher und schöner finde ich die ebenfalls hölzerne russisch-orthodoxe Kirche. Sie ist ein wahres Schmuckstück.

Als eine der bekanntesten kirgisischen Sehenswürdigkeiten gilt wohl der Burana-Turm in der Nähe der Stadt Tomok. Errichtet im 10. oder 11. Jahrhundert, ist er eines der ältesten Bauwerke dieser Art in Zentralasien. Das ehemalige Minarett ist nach einem Erdbeben, bei dem der obere Teil zerstört wurde, heute noch knapp über 20 Meter hoch. Sehenswert sind vor allem die schönen Verzierungen. Über eine schmale, dunkle und steile Treppe kann man die Aussichtsplattform oben erreichen. Neben dem Turm befinden sich ein kleines Museum und die Sammlung von Balbals (kleinen Grabsteinen nomadischer Türken) sowie Petroglyphen.

Petroglyphen (in Stein gearbeitete Felsbildern aus prähistorischer Zeit) findet man überall in Kirgisistan. Eine größere Sammlung kann man im Freiluftmuseum in Cholpon-Ata besichtigen. Aber auch am Song-Köl-See entdeckt man immer wieder Zeichnungen von Steinböcken und Schneeleoparden auf Wanderungen oder in der Nähe der mystischen Steinkreise.

4. «Authentische» Unterkünfte und kulinarische Erfahrungen

Abgesehen vom Hyatt Regency in Bischkek fehlen internationale große Hotelketten in Kirgisien zum Glück (noch). Die Auswahl an landestypischen Unterkünften ist ausreichend. Je nach Ort oder Region muss man mit sehr einfachen Gästehäusern vorliebnehmen und wie eingangs erwähnt auf Komfort verzichten. Typische Gästehäuser sind liebevoll, wenn auch westeuropäischen Geschmack etwas ungewöhnlich eingerichtet. Meist haben sie Etagenduschen und -toiletten.

Durch das nahe Skiresort entstehen in Karakol derzeit mehrere neue Hotels, die auch den üblichen Standard bieten. Entlang des Issykul-Sees werden in den nächsten Jahren viele neue Anlagen entstehen. Die mehrspurige Straße am Nordufer wird gerade ausgebaut.

Auf keinen Fall entgehen lassen sollte man sich eine Übernachtung in einer Jurte am Songköl See.

Die kirgisische Küche ist kräftig und sehr fleischlastig. Auch wenn meist kleine Mengen von (frischem) Gemüse dazu gereicht werden, ist sie für Vegetarier und Veganer nicht so sehr geeignet. Meist gibt es Suppe, z.B. Laghman, eine Nudelsuppe mit Hammelfleisch und Gemüse oder klare Brühe mit Kartoffeln und Rindfleisch. Oft wird Plov, ein Reisgericht mit Fleisch und Gemüse, serviert. Auch gefüllte Teigtaschen haben es geschafft zum kirgisischen Nationalgericht zu werden. Diese Mantys sind entweder mit Fleisch, Kartoffeln oder auch Kürbis gefüllt. Die Blätterteig-Variante nennt sich Somsa. Dazu gereicht werden das traditionelle Fladenbrot oder einen Gurken-Tomaten-Salat. Nicht fehlen am Tisch dürfen Süßigkeiten, Marmelade und saisonale Früchte. Die Melonen in Kirgisistan schmecken hervorragend. Rund um den Issyk-Kul-See wird auch Fisch angeboten.

Das Frühstück ist wenig abwechslungsreich. Buffets gibt es nur in größeren Hotels, ansonsten wird es serviert und besteht in der Regel entweder aus Kascha (Milchbrei mit Reis, Getreide oder Grieß) oder Eiern. Manchmal wird frisches Gemüse oder Wurst und Käse gereicht.

Fünf Sterne verdienen die kirgisischen Lunch-Pakete. Selten wurde ich so abwechslungsreich, liebevoll und großzügig verwöhnt.

5. Farbenfrohe Märkte und Filz

Der Besuch auf einem Markt gehört zu jeder Kirgisistan-Reise mit dazu. Hier findet man neben liebevoll aufgetürmten und präsentierten Gemüse oder Früchten, dem landestypischen kunstvoll verzierten Brot, Trockenfrüchten und Gewürzen alles, was man zum Leben braucht. Das ist wesentlich spannender als der Einkauf im Supermarkt. In Bischkek geht man entweder auf den Osh- (etwas verwirrend, der Bazar in der Stadt Osh selbst heißt Jaym) oder auf den Dordoy-Basar und genießt die zentralasisatisch-orientalische Atmosphäre.

Auch in Karakol gibt es einen kleinen Basar. Berühmt ist die Stadt aber vor allem für den jeweils sonntags stattfindenden Viehmarkt, den ich leider nicht besuchen konnte.

Typische Mitbringsel aus Kirgisistan sind Teppiche (Shyrdaks), Sitzkissen, Taschen, Hüte, Schals, Mützen oder Hausschuhe aus Filz. Touristen können an verschiedenen Orten bei der aufwändigen Herstellung zusehen und die kunsthandwerklichen Produkte auch direkt beziehen.

Praktische Tipps und Hinweise
An- und Einreise

Der international Flughafen Manas liegt etwas außerhalb von Bischkek, etwa eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt. Aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz fliegt man entweder mit Turkish Airlines über Istanbul oder Aeroflott über Moskau.

2012 wurde die Visapflicht für 44 Staaten aufgehoben. Die Einreise ist somit unkompliziert und man kann bis zu 60 Tage im Land bleiben.

Sprache

Landessprachen sind Kirgisisch und Russisch, das von vielen zumindest verstanden wird. Immer wieder trifft man auf Leute, die auch etwas Englisch oder Deutsch verstehen und sprechen. Verlassen sollte man sich darauf allerdings nicht. Für Individualreisende empfehlen sich rudimentäre Russisch-Kenntnisse oder eben Hände und Füße.

Verkehr

Die Straßenverhältnisse in Kirgisistan sind mit Europa nicht zu vergleichen. Abseits der wichtigsten Routen gibt es nur noch Schotterpisten, die Fahrt über Bergstraßen und -pässe kann sehr anspruchsvoll und gefährlich sein. Deshalb muss man oftmals auch für kurze Strecken sehr viel Zeit einberechnen. Auf den Straßen fahren vor allem Mercedes-Sprinter als Kleinbusse (auch Sammeltaxis) und Fahrzeuge, die in Europa schon vor Jahrzehnten ausrangiert wurden und hier immer noch ihren Dienst tun. Dabei sieht man sowohl Rechts- als auch Linkslenker, Lieferwagen mit deutschen Aufschriften, uralte russische Lastwagen, aber auch moderne SUVs aus dem Nachbarland Kasachstan.

Währung

Bezahlt wird in Kirgisistan mit Som. 1.000 Som entsprechen ca. 13 Euro. Die Lebenshaltungskosten sind für Europäer sehr niedrig. Für 400 Som kann man bereits im Restaurant essen, eine Flasche Wodka gibt es ab 200 Som, ein Bier ab 80.

Ausblick

Der Tourismus in Kirgisistan soll angekurbelt werden und wird in den nächsten Jahren bestimmt stark wachsen. Die damit verbundenen Deviseneinnahmen und der hoffentlich höhere Lebensstandard für die durchwegs arme Bevölkerung sind sicherlich positiv. Die Vorstellung, dass und wie sich das Land dadurch jedoch verändern wird, gefällt mir weniger gut. Noch sind es vor allem Wanderer und Naturliebhaber, die Kirgisien bereisen und das zu schätzen wissen. Hoffentlich lernt man aus den Fehlern anderer Länder und achtet darauf, dass Naturschutzgebiete wie die Hochebene um den Songköl See und andere Regionen nicht zerstört werden.

Kirgisistan

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